Hinter der Einführung des Euros lauert ein kurzzeitiger Inflationsschub
Die EU-Kommission will Sondergewinne bei der Umrechnung verhindern

ay DÜSSELDORF. Halten die Geschäfte beim Umstellen auf den Euro im nächsten Jahr die Hände auf? Wird so umgerechnet, dass per Saldo etwas mehr in den Euro-Kassen bleibt als in den DM-Kassen? Was insbesondere die deutschen Konsumenten befürchten, sieht EU-Währungskommissar Pedro Solbes sozusagen amtlich kommen: Allein wegen der Aufrundung beim Umrechnen und der Neuauszeichnung werde es zu einem Inflationsschub kommen. Allerdings nur kurzfristig - dann sorge der Euro wegen des neuen Preiswettbewerbs für stabile oder gar sinkende Preise.

Gut die Hälfte der Euro-Bürger glaubt, im Januar kommenden Jahres übers Ohr gehauen zu werden - so das Ergebnis einer kürzlichen Umfrage der EU-Kommission. Dabei geht es nicht nur darum, dass von der dritten Stelle hinter dem Komma auf die zweite Stelle ab- oder zu Lasten der Konsumenten aufgerundet wird - die Furcht geht vielmehr dahin, dass zu viele glatte Euro-Beträge herauskommen. Sollte etwa in Frankreich von 1 Euro 97 (Euro-)Cents auf 2 Euro aufgerundet werden, sind das immerhin 1,5 % Teuerung.

Die Kommission weist insbesondere auf die Erfahrungen in Großbritannien hin, das Anfang der siebziger Jahre auf das Dezimalsystem umstellte. Der Inflationsschub war seinerzeit in den Geldbörsen feststellbar. Nicht ganz so dramatisch war eine andere Erfahrung in Deutschland, das in den Sechzigern von der Umsatz- auf die Mehrwertsteuer umstellte. Damals wurden zumindest keine generell großzügigen Umrechnungen festgestellt. Vorschriften, wonach der Handel bei der Abschaffung von Francs, Gulden, Lira oder D-Mark auf- oder abzurunden habe, wird es nach heutiger Sachlage nicht geben. Doch Solbes und der belgische Finanzminister Didier Reynders, bis Jahresende Vorsitzender der Euro-Gruppe im EU-Finanzministerrat, haben die Euro-Teilnehmer aufgefordert, darauf hinzuwirken, dass abgerundet wird. Gleichzeitig verhandelt die Kommission mit Vertretern des europäischen Einzelhandels über eine Selbstverpflichtung zur Sicherstellung stabiler Preise.

Für die meisten Euro-Länder - die Südländer und Finnland beispielsweise - ist eine "Umrechnungsinflation" kein großes Thema, administrative Eingriffe sind nicht vorgesehen. Zu den Ausnahmen gehören Belgien und die Niederlande: Brüssel will, so Reynders, mit gutem Beispiel voran gehen und bei den Steuer-Umrechnungen generell nur abrunden. Die Regierung in Den Haag hat sich die Sache etwas mühsamer gemacht: Im Gegensatz zu Solbes, Reynders & Co. gedachte sie selbst zu den Euro-Profiteuren zu gehören und bei der Umrechnung abzusahnen: Sie wollte bei Geldstrafen nicht nur aufrunden, sondern im selben Atemzug die Strafen (in Euro) gleich um 10 % aufstocken. Nach einem recht lauten öffentlichen Aufschrei gab sie allerdings klein bei und verzichtete auf das erhoffte Zubrot.

Als Haken bei den Umrechnungen dürften sich einige "Faustformeln" herausstellen. In Deutschland zum Beispiel lautet sie: DM-Betrag geteilt durch zwei. Der genaue Kurs liegt allerdings bei 1,95583 DM pro Euro. Ähnliches gilt für Italien, das ebenso großzügig umrechnen kann: drei Nullen streichen und durch zwei teilen - bei einer korrekten Umrechnung von 1936,27 Lire pro Euro.

In Deutschland hat sich der Einzelhandelsverband bereits zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung zur Preisstabilität bekannt. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg hat sich mit dem deutschen Umrechnungsproblem empirisch beschäftigt mit dem Ergebnis, dass Befürchtungen wegen heimlicher Preiserhöhungen unbegründet seien. Ein Betrag von 1,99 DM (17,5 % aller Preise im deutschen Einzelhandel lauten auf diesen Betrag) besitze (ähnlich wie 0,49 DM) eine Signalwirkung (weil unter 2 DM); umgerechnet mit dem amtlichen Kurs sind das exakt 1,0174 Euro - die Signalwirkung wäre damit dahin. Deshalb, so die GfK, sei damit zu rechnen, dass solche Beträge auf 99 Euro-Cents umgerechnet werden.

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