Hintergründe
Schwellenland-Anleihen wachsen aus Kinderschuhen

Reuters FRANKFURT. Der Markt für Staatsanleihen aus Schwellenländern (Emerging Debts) wächst Analysten zufolge langsam aus den Kinderschuhen. In den vergangenen Jahren stiegen Zahl und Volumen von Anleiheemissionen deutlich, so dass sich die Marktkapitalisierung seit 1994 auf 188 Mrd. $ mehr als verdreifachte. Ob Emerging Debts damit für Investoren generell attraktiver werden, ist unter Experten jedoch umstritten. Zwar locken Bonds aus Schwellenländern mit vergleichsweise hohen Renditen. Auch die konjunkturelle Entwicklung in vielen Schwellenländern ist Analysten zufolge stabil und auf Wachstumskurs. Risiken bergen jedoch die nach wie vor starken Kurs- und damit Renditeschwankungen des Segments und seine starke Abhängigkeit von der Konjunktur in den USA.

Schwellenstaaten gelten an den Märkten als Schuldner mit niedrigerer Bonität. Die Gefahr, dass sie ihre Anleihen nicht bedienen oder zurückzahlen können, ist ungleich höher, als etwa bei Bondemissionen von Industriestaaten. Um ihre Anleihen für Anleger dennoch attraktiv zu machen, müssen Schwellenländer daher generell höhere Zinsen bieten. Institutionelle Anleger, die die Papiere aber meist nicht bis zur Endfälligkeit in ihren Depots halten, müssen sich zusätzlich darauf einstellen, dass die Kurse der Anleihen stark schwanken können, was den optimalen Kauf- und Verkaufszeitpunkt sowie die dazwischen tatsächlich erzielbare Rendite schwer berechenbar macht.

Leland Crabbe von Credit Suisse First Asset Management ist allerdings der Ansicht, dass die Renditen von Emerging Bonds die Ausfall- und Kursrisiken mehr als kompensieren. "Wir hatten in den letzten sieben Jahren einen durchschnittlichen Ertrag von rund 15 % auf Emerging Debts", sagte er. Im gleichen Zeitraum zwischen 1992 und 1999 habe die Durchschnittsrendite für US-Regierungsanleihen bei knapp sechs Prozent und für Schwellenländer-Aktien bei sieben Prozent gelegen. Die Wirtschaftsdaten vieler Ländern Asiens, Lateinamerikas und Osteuropas hätten sich im Zuge der jüngsten weltwirtschaftlichen Erholung spürbar verbessert. Auch sei anzunehmen, dass sich mit fortschreitender Entwicklung der Schwellenländer das Ausfallrisiko ihrer Schulden verringere. In Zukunft sei daher zwar weiterhin mit üppigen Renditeaufschlägen, gleichzeitig aber mit abnehmenden Ertragsschwankungen zu rechnen, so Crabbe.

Andere Analysten sind skeptischer. "Momentan sind es vor allem die internationalen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, von denen die Schwellenländer abhängen und die zurzeit sicher sehr günstig sind", sagte Reinhard Cluse, Emerging-Market Spezialist bei der Commerzbank. Diese Länder profitierten zurzeit mehr von den Wachstumsschüben in den USA und der Euro-Zone als von ihren eigenen Fundamentaldaten. Drehe sich der Wachstumstrend, werde dies die Anleihen aus Schwellenländern belasten, was angesichts der erwarteten Abkühlung der US-Konjunktur kein unwahrscheinliches Szenario sei.

Emerging-Debts-Renditen und Nasdaq-Aktien entwickeln sich ähnlich

Auffallend ist Analysten zufolge vor allem die hohe Korrelation von Emerging-Debts-Renditen mit der Entwicklung der US-Technologiebörse Nasdaq seit Ende letzten Jahres, die unter anderem mit der vergleichsweise hohen wirtschaftlichen Verflechtung vieler Schwellenländer mit den USA zusammenhängt. Mit dem deutlichen Kurseinbruch der US-Technologiebörse im Frühjahr gingen auch die Renditen der Schwellenländerbonds zurück. Gemessen am richtungweisenden JP Morgan Emerging Debt Index Plus ist der Renditeaufschlag zu US-Staatsanleihen mittlerweile auf rund 630 Basispunkte gesunken, nachdem er in den letzten Monaten noch zwischen 700 und 800 Punkten lag.

Bondexperten warnen auch davor, dass der leichte Rückgang der durchschnittlichen Renditeschwankung noch lange keinen Trend anzeige. "Nach den Finanz- und Wirtschaftskrisen der letzten Jahre hat sich die Stabilität der Schwellenländer und der Wirtschaftsausblick sicher etwas verbessert", sagte Caspar Melville Murphy, Emerging Markets-Spezialist von Dresdner Kleinwort Benson in London. Es sei jedoch schwierig zu beurteilen, wie solide diese Entwicklung sei. Ähnlicher Ansicht ist auch Cluse. Die Risiken seien insgesamt womöglich leicht gesunken, dies schütze jedoch nicht vor Ausfallrisiken. "Da ist immer Spielraum für negative Überraschungen drin", sagte er.

Viele Experten raten deshalb, Kapitalanlagen auf bestimmte Länder oder Regionen zu konzentrieren und diese im Portefeuille stärker zu gewichten. Mittel- und osteuropäische Staaten werden auf Grund ihrer Beitrittsperspektive zur Europäischen Union häufig empfohlen. Auch Lateinamerika gilt - mit wenigen Ausnahmen - nach den Krisen der letzten Jahre wieder als vielversprechende Region. "Die richtige Auswahl der Schwellenländer-Bonds ist entscheidend für den Ertrag, den sie abwerfen", sagte ein Frankfurter Analyst.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%