Hintergrund
Analysten rechnen frühestens im April mit einer Zinssenkung

Reuters FRANKFURT. Die Reaktion des Euro auf eine mögliche Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank ist nach Einschätzung von Analysten ungewiss.

Einerseits wirke sich eine vergrößerte Zinsdifferenz zum Dollar-Raum gemäß der Lehrbuchmeinung negativ auf den Euro aus. Andererseits zögen die durch eine Leitzinssenkung verbesserten Wachstumsaussichten für die Euro-Zone Investoren an, wovon der Euro dann spürbar profitieren würde. Neben diesen theoretischen ökonomischen Zusammenhängen spielt nach Ansicht der Volkswirte die Erwartungen der Anleger jedoch eine immer wichtigere Rolle für die Erklärung von Wechselkursschwankungen. Eine als zu spät oder als zu bescheiden angesehene Leitzinssenkung der EZB könnte Investoren enttäuschen und damit in jedem Fall der Gemeinschaftswährung schaden.

Einig sind sich die Analysten, dass Kapitalbewegungen an den Aktienmärkten gegenwärtig wesentlich bedeutsamer für die Entwicklung einer Währung sind als die Kapitalströme am Geld- oder Rentenmarkt. Zudem spielten ausländische Direktinvestitionen eine immer größere Rolle, da diese für eine nachhaltige Devisennachfrage sorgten.

"Währungen werden seit einigen Jahren immer mehr von der Ertragsrate auf Sachkapital getrieben, da diese sowohl für die Portfolio- als auch für die Direktinvestitionen maßgeblich ist", sagt Julian von Landesberger, Analyst bei der HypoVereinsbank. Die Höhe dieser Ertragsrate für Investitionen in der Euro-Zone werde wiederum von den Wachstumsaussichten dieser Region im Vergleich zu denen der USA beeinflusst. Eine baldige Leitzinssenkung der EZB um 50 Basispunkte verbessert Landesberger zufolge die Wachstumsaussichten der Euro-Zone und könne daher der Gemeinschaftswährung wieder Auftrieb verleihen. Denn ein solcher Schritt werde von Investoren als Versicherung der Notenbank gegen eine mögliche Konjunkturdelle in Europa wahrgenommen.

Der jüngsten Reuters-Umfrage zufolge rechnen fast 90 % der befragten Analysten frühestens im April mit einer Leitzinssenkung der EZB um mindestens 25 Basispunkte.

Wie Zinssenkungen eine Währung stützen können, lässt sich Landesberger zufolge an dem Wiederanstieg des Dollar-Kurses nach der überraschend kräftigen Zinssenkung der US-Notenbank Fed Anfang Januar zeigen. Der bis dahin deutlich erkennbare Aufwärtstrend des Euro zum $ wurde durch diesen Schritt abrupt gestoppt. Die Gemeinschaftswährung war von ihrem historischen Tief bei 0,8229 $ Ende Oktober 2000 bis Anfang Januar 2001 um mehr als 15 % knapp unter 0,96 $ geklettert. Seitdem hat der Euro jedoch wieder etwas an Boden verloren und lag zuletzt bei Kursen um 0,91 $. Die Fed hatte Ende Januar den Schlüsselzins abermals um 50 Basispunkte auf nunmehr 5,50 % gesenkt.

Die EZB kann nach Ansicht von Lothar Hessler, Analyst bei HSBC Trinkaus, mit einer Leitzinssenkung derzeit jedoch viel weniger Einfluss auf den Wechselkurs des Euro nehmen als die Fed. "Niedrigere EZB-Zinsen würden an den Devisenmärkten wenig Bewegung auslösen. Viel ausschlaggebender sind zurzeit Zinsschritte der US-Notenbank", sagte er. Im Vergleich zur Euro-Zone sei in den USA ein deutlicher Wirtschaftsabschwung zu erkennen. Daher seien die kräftigen Zinssenkungen der Fed notwendig gewesen, um die Zuversicht der Anleger in die konjunkturelle Entwicklung der USA wieder zu stärken. Der vorläufige Erfolg der Schritte der Fed habe sich in den Dollar-Kursgewinnen gezeigt. Über die Höhe der für Investoren wichtigen Wachstumsdifferenz zwischen dem Dollar- und dem Euro-Raum entscheide somit die Fed und nicht die EZB. Denn in der Euro-Zone seien mit oder ohne Leitzinssenkungen viel geringere konjunkturelle Schwankungen zu erwarten.

Die Wirkung von Leitzinssenkungen hängt nach Einschätzung von Michael Schubert, Volkswirt bei der Commerzbank, weniger von dem konjunkturellen Umfeld, sondern vielmehr von den Erwartungen der Investoren ab. In dieser Hinsicht seien Zinssenkungen grundsätzlich ein zweischneidiges Schwert. Sie könnten einer Währung wie in den USA einen kräftigen Schub verleihen, wenn sich von ihnen eine Wende zur wirtschaftlichen Besserung versprochen werde. Sie könnten jedoch auch Enttäuschungen hervorrufen, wenn sie als zu gering und als zu spät angesehen würden. Um die zweite Reaktion zu vermeiden, sollte die EZB Landesberger zufolge daher schon bald die Leitzinsen um 50 Basispunkte zurücknehmen. "Je länger sie damit wartet, desto schwächer wird der Euro", sagt er.

Schubert ist jedoch überzeugt, dass der Euro-Kurs bei den künftigen zinspolitischen Überlegungen der EZB nur eine untergeordnete Rolle spielen wird. Denn angesichts der schwer einzuschätzenden Markterwartungen sei die Reaktion des Euro auf eine mögliche Leitzinssenkung kaum prognostizierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%