HINTERGRUND
Arafats Lebenstraum - Ein Staat der Palästinenser

Reuters GAZA. Jassir Arafat hat nur ein Ziel - einen Staat für die Palästinenser. Eigentlich hatte dieser Staat auf den Trümmern Israels errichtet werden sollen. Doch seit Arafats Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) 1993 das Existenzrecht Israels anerkannte, geht es nur noch um einen Staat in den bislang noch besetzten Gebieten Gazastreifen und Westjordanland. Niemand - weder Palästinenser noch Israeli - bezweifelt, dass es diesen Staat eher früher als später geben wird. Die Frage ist, ob er mit Blut getauft oder mit einem Palmzweig gesegnet wird. Die Entscheidung könnte in Camp David fallen, wo Arafat mit Israels Ministerpräsident Ehud Barak über ein Friedenabkommen verhandelt.

Die selbst gewählte Einigungsfrist läuft am 13. September ab. Gäbe es in Camp David eine grundsätzliche Einigung, könnte sie bis dahin in Vertragsform gegossen werden. Die PLO hat Arafat freie Hand gegeben, nach Ablauf der Frist einen Palästinenser-Staat auszurufen, auch wenn Israel dem nicht vertraglich zustimmt. Doch das Letzte, was sich Israel wünschen könnte, wäre ein Palästina ohne verbindliche Auflagen - etwa, was seine militärische Stärke betrifft.

Auch Arafat hätte lieber eine völkerrechtlich abgesicherte Staatsgründung; denn in israelischen Regierungskreisen hat die Drohung die Runde gemacht, ohne Abkommen werde man die bislang noch nicht autonomen Gebiete annektieren. Als Präsident einer Autonomie-Regierung kontrolliert Arafat derzeit nur etwa 40 % des Westjordanlandes, wenn auch den größten Teil des für Israel wirtschaftlich und militärisch wesentlich uninteressanteren Gazastreifens. Riefe Arafat ohne Zustimmung Israels einen Staat aus, hätte er zudem massive Probleme, den USA als Sponsor der Verhandlungen und dem Rest der Welt die Mrd. $ zu entlocken, die ein Palästina erst lebensfähig machten.

Auf der anderen Seite würde er unter den Palästinensern eine Sturm der Empörung auslösen, wenn er nach 1999 zum zweiten Mal auf eine Staatsdeklaration verzichtete. 1999 hatten die Palästinenser den Verzicht hingenommen - in der Hoffnung auf eine spätere Einigung mit Israel. Doch dieses Mal habe sich Arafat zu sehr festgelegt, um einen weiteren Rückzieher machen zu können, sagt der Schriftsteller Chalil Schikaki. Der Druck seiner Freunde wie seiner Gegner werde zu groß sein, nicht noch einmal auf Zeit zu spielen. Und Zeit hat der inzwischen 70 Jahre alte und angeblich kranke Arafat nicht.

Der Wandel des PLO-Chefs vom erbitterten Feind zum Verhandlungspartner Israels hat ihm viel Ablehnung in der Organisation eingebracht. Sollte er sich bei den Verhandlungen mit Israel auf Kompromisse einlassen, die wie ein Ausverkauf lang gehegter Grundsätze aussehen, könnte das auch die Bevölkerung gegen Arafat aufbringen. Da geht es insbesondere um Jerusalem, dessen Altstadt die Palästinenser als Hauptstadt fordern. "Arafat kann, ganz einfach gesprochen, beim Thema Jerusalem nicht nachgeben", sagt Siad Abu Sajjad, Minister in der Autonomie-Regierung Arafats.

In Camp David, wo die Konferenz am Mittwoch wegen Jerusalem fast geplatzt wäre, ist Arafat indes seinem Traum vom eigenen Staat näher als jemals zuvor in den über 30 Jahren als Anwalt der palästinensischen Sache. Israel hat sich damit abgefunden, dass es einen solchen Staat geben wird - wie die Palästinenser sich schließlich mit dem Gedanken anfreunden mussten, dass Israel ein Existenzrecht hat.

Jener Augenblick im September 1993, als sich der damalige Ministerpräsident Jitzhak Rabin sichtlich überwinden musste, um Arafat nach der Unterzeichnung des Grundlagenvertrages die Hand zu reichen, ist kaum mehr als eine Erinnerung. Inzwischen hat Arafat drei weiteren israelischen Ministerpräsidenten die Hand gegeben. Er war sogar zu Gast in Baraks Haus.

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