Hintergrund
Auch die Weisen irren sich manchmal

Auch die renommiertesten Wirtschaftsforscher des Landes können irren - und zwar kräftig. Das jüngste Herbstgutachten der sechs führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute dokumentiert: Vergleicht man ihre heutigen Prognosen mit denen vom April dieses Jahres, dann hätte man schlechter kaum liegen können.

Reuters BERLIN. Finanzminister Hans Eichel (SPD) hat sich denn auch inzwischen entschieden, nicht mehr die Prognosen der renommierten Experten, sei es die in seinem Haus oder die externen, zur Grundlage seiner künftigen Etatpläne zu machen, sondern sich künftig auf Fakten zu beschränken, nämlich die Durchschnittswerte zum Wachstum der letzten Jahre.

Das jüngste Herbstgutachten könnte düsterer kaum sein: die Wachstumsprognose für 2002 wurde gegenüber dem Frühjahr um einen halben Prozentpunkt, die für das nächste Jahr um einen vollen Prozentpunkt gekürzt. Die Voraussagen zur Arbeitslosenzahl, die im Frühjahr noch im Sinken gesehen wurde, hat sich völlig gedreht und auch die Aussagen zur Entwicklung des Staatsdefizits sehen viel negativer aus. Das dumme an Prognosen sei eben, dass sie mit der Zukunft zu tun hätten, und die sei nun einmal unsicher, könnte sich manch ein professioneller Prognostiker mit einer Binsenwahrheit trösten.

April-Prognose entwarf rosiges Bild

Vor gerade mal einem halben Jahr regierte bei den Instituten noch leuchtender Optimismus. "Die Weltwirtschaft steht vor einem Aufschwung", jubelten die Ökonomen. In den USA und Westeuropa würden sich 2002 die expansiven Wirkungen der Wirtschaftspolitik zunehmend entfalten. Und zu Deutschland merkten die Experten an: "Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit dem Frühjahr 2002 am Beginn eines Aufschwungs." Die Lage am deutschen Arbeitsmarkt werde sich bei Wachstumsraten in Deutschland von in diesem Jahr 0,9 % und im nächsten Jahr um 2,4 % bessern. Im Ganzen gebe es zwar Unsicherheitsfaktoren, doch sei es nicht auszuschließen, dass das Aufschwungtempo noch unterschätzt werde. Einen noch stärkeren Aufschwung hielten die Institut also für möglich.

Seitdem aber hat sich der gesamtwirtschaftliche und politische Rahmen verändert, und zwar in eine Richtung, die auch die Institute nicht vorhergesehen hatten: Die unerwartet nach oben gehenden Arbeitslosenzahlen, weltwirtschaftliche und politische Unsicherheiten durch den drohenden Krieg mit dem Irak, damit verbunden Ängste um einen massiven Ölpreisanstieg. Der erwartete Aufschwung blieb aus, was wiederum Ebbe im Portemonnaie von Finanzminister Hans Eichel (SPD) auslöste.

Wie die Institute ihre schwache Prognosebilanz begründen

Die Institute selbst haben im Herbstgutachten eine eigene Erklärung zu ihrer kräftigen Prognosekorrektur versucht. "Die Prognosekorrekturen haben ihren Ursprung in der verhaltenen Gangart der Konjunktur in der ersten Jahreshälfte", schreiben sie beispielsweise. Sei im Frühjahr noch von einer kräftigen Belebung im zweiten Halbjahr ausgegangen worden, so seien "die Perspektiven für die zweite Jahreshälfte nunmehr sehr viel ungünstiger eingeschätzt". Das dies so ist, belegt die jüngste Einschätzung, doch viel Erklärungswert hat das wohl nicht.

Ausschlaggebend dafür, dass alles im Herbst 2002 viel düsterer aussieht, sind den Instituten zufolge viele Faktoren, die einfach nicht vorhersehbar gewesen seien. Genannt werden der enttäuschende Verlauf der US-Konjunktur, die Kursverfall an den Börsen, die "kräftige Aufwertung" des Euro sowie die Angst vor einem Krieg mit dem Irak und der Ölpreisanstieg als Folge. Und dass es auch 2003 inzwischen viel schlechter aussehe, habe eben damit zu tun, das schon die Entwicklung 2002 mies ausfiel.

Doch wenn die wirklich entscheidenden Entwicklungen für die Institute kaum vorhersehbar sind und sie auch im engeren wirtschaftlichen Bereich ziemlich falsch lagen, wie groß ist dann ihr Nutzen noch, fragt sich mancher Beobachter. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) artikulierte das am Dienstag am deutlichsten: Die konjunkturelle Einschätzung der Mehrheit der Institute sei nur eingeschränkt von Nutzen, befand DGB-Vorstandsmitglied Heinz Putzhammer.

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