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Hintergrund Börsenkrach 1929: Die Nazis nutzten die Krise für Aufstieg

Neben den USA wurde kaum ein anderes Land von der Weltwirtschaftskrise so hart getroffen wie Deutschland. Und nirgendwo sonst war die Depression so eng verknüpft mit der politischen Entwicklung der Folgejahre.

dpa-afx FRANKFURT. Neben den USA wurde kaum ein anderes Land von der Weltwirtschaftskrise so hart getroffen wie Deutschland. Und nirgendwo sonst war die Depression so eng verknüpft mit der politischen Entwicklung der Folgejahre. Die zur Macht strebenden Nationalsozialisten verstanden es, die Verunsicherung der Menschen für ihre Zwecke zu missbrauchen. Genau in dem Moment, als die Krise nach Einschätzung von Historikern ihre Talsohle durchschritten hatte, übernahmen Adolf Hitler und die Nsdap die Kontrolle über das Land.

Als an der New Yorker Börse am 24. Oktober 1929 die Kurse purzelten, ging man in Deutschland noch von einer "normalen" wirtschaftlichen Rezession aus. Die Arbeitslosenzahl lag nach den Rationalisierungen der Vorjahre zwar auf dem hohen Niveau von 1,6 Millionen, aber niedriger als noch im strengen Winter zuvor. Als fatal erwies sich für die deutsche Wirtschaft jedoch ihre Finanzierung aus dem Ausland. Investitionen waren vor allem mit Hilfe von Krediten aus den USA bezahlt worden, und für unvorhergesehene Vorfälle hatten die Banken kein Polster.

Die Nazis machten die hohen Reparationszahlungen Deutschlands an die Sieger des Ersten Weltkriegs für die nun schnell ansteigende Arbeitslosigkeit verantwortlich und feierten mit dieser Strategie im Herbst 1930 einen phänomenalen Wahlsieg: Bei der Reichstagswahl konnten sie Zahl ihrer Mandate von zwölf auf 107 fast verzehnfachen und wurden zweitstärkste Kraft nach der SPD. Bestürzt über diese Entwicklung kündigten die ausländischen Geldgeber ihre Kredite und rissen die deutsche Wirtschaft damit in einen Abwärtsstrudel.

Banken und in der Folge auch die von ihnen finanzierten Unternehmen brachen zusammen. Kurzarbeit und Massenentlassungen schwächten wiederum den Konsum - als eine von vielen Firmen kam der Warenhauskonzern Karstadt in Bedrängnis. Die Zahl der Arbeitslosen schnellte auf vier Mill. Ende 1930 empor und erreichte im Februar 1932 mit 6,13 Mill. ihren Höhepunkt. Am schlimmsten waren die Auswirkungen in hoch industrialisierten Regionen wie zum Beispiel Sachsen. Die erst 1927 wieder eingeführte Arbeitslosenversicherung verfügte nur über geringe Rücklagen. Wer von Wohlfahrt lebte, musste sich mit Brot und Kartoffeln begnügen.

Der Chemiekonzern I.G. Farben baute innerhalb von vier Jahren fast die Hälfte seiner Arbeitsplätze ab. Angst und Verzweiflung machten sich in der Bevölkerung breit. Die Selbstmordquote lag 1932 nach Recherchen des Historikers Fritz Blaich drei Mal so hoch wie in Großbritannien.

Der im März 1930 berufene Reichskanzler Heinrich Brüning von der Zentrumspartei fand im Gerangel zwischen Unternehmern und Gewerkschaften, die eine Kürzung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 40 Stunden forderten, nicht den richtigen Kurs. Anstatt die Konjunktur mit einem staatlichen Investitionsprogramm anzukurbeln, erließ er zu Weihnachten 1931 Notverordnungen, die die Kürzung von Löhnen, Preisen und Kreditzinsen vorsahen und in erster Linie das verlorene Vertrauen im Ausland zurückgewinnen sollten.

Zwar machte die wirtschaftliche Entwicklung unter Brünings Nachfolgern Franz von Papen und Kurt von Schleicher bereits wieder erste Fortschritte, doch auf dem Arbeitsmarkt war davon zunächst noch nichts zu spüren. Für die Nazis hätte der Zeitpunkt daher nicht günstiger sein können, als Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde./mi/DP/zb

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