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Hintergrund Börsenkrach 1929: Krise beendete erste Globalisierungswelle

Die Globalisierung ist seit den 90er Jahren in aller Munde und wird je nach Standpunkt für die Entfesselung unglaublicher Marktkräfte oder die Verdrängung der Schwächsten vom Welt- und Arbeitsmarkt gelobt oder gegeißelt. Neu ist das Phänomen allerdings nicht.

dpa-afx WASHINGTON. Die Globalisierung ist seit den 90er Jahren in aller Munde und wird je nach Standpunkt für die Entfesselung unglaublicher Marktkräfte oder die Verdrängung der Schwächsten vom Welt- und Arbeitsmarkt gelobt oder gegeißelt. Neu ist das Phänomen allerdings nicht. Die erste Globalisierungswelle endete vor 75 Jahren mit der Weltwirtschaftskrise. Das Welthandelsvolumen fiel von 1929 bis 1932 um 25 Prozent. Es war der folgenschwerste wirtschaftliche Einbruch des vergangenen Jahrhunderts.

Die USA und Südamerika hatten die Agrarproduktion nach dem 1. Weltkrieg massiv angekurbelt. Die US-Wirtschaft blühte, die Aktienmärkte explodierten. Viele Privatleute kauften Anteile auf Pump, um an der Bonanza teilzuhaben. Als die europäische Produktion nach dem Krieg aber wieder anzog, war das Angebot plötzlich größer als die Nachfrage. Die Agrar- und Rohstoffpreise verfielen. Die Stimmung kippte. Der Börsencrash in New York folgte.

Die internationalen Kapitalströme überwiegend aus den USA Richtung Europa versiegten, die Industrieländer schotteten ihre Märkte radikal ab. Der neu gewonnen Lebenslust der "Goldenen Zwanziger" Jahre folgte der jähe Absturz: Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit und ein täglicher Überlebenskampf für Millionen Menschen in aller Welt.

Die Abwärtsspirale setzte in den USA die schwerste Depression ihrer Geschichte in Gang. Firmen kämpften einerseits mit Überkapazitäten, andererseits mit schrumpfenden Verbraucherausgaben. Firmen gingen bankrott, Arbeiter und Angestellte wurden massenweise entlassen, und damit ging der Konsum weiter zurück. Ein Teufelskreis.

Die Industrieproduktion ging innerhalb von drei Jahren um die Hälfte zurück, 1932 war jeder 4. arbeitslos. Der Verfall der Rohstoffpreise stürzte Bauern in den Ruin. Höfe wurden zwangsversteigert. Hunderttausende Landbesitzer zogen verarmt Richtung Kalifornien. Die desolate Lage brachte eine tiefe Sinnkrise, das Vertrauen in den Laissez-Faire-Kapitalismus als einer der Grundfesten der neuen Welt war erschüttert.

Als Hoffnungsträger erwies sich der 1932 gewählte US-Präsident Franklin D. Roosevelt. "Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst", sagte er seinen Landsleuten. Während das Deutsche Reich im Sog der US-Krise mit radikalen Sparmaßnahmen den Unmut der Bevölkerung schürte und dem verheerenden Aufstieg der Nationalsozialisten den Weg bereitete, setzte er auf mehr staatliche Eingriffe in die Wirtschaft und den Aufbau von Sozialnetzen.

"New Deal" (etwa: Neuverteilung der Karten in einem Kartenspiel) hieß sein Programm, mit Arbeitsbeschaffungsprogrammen zur Stärkung des privaten Verbrauchs, Staatsinvestitionen als Initialzündung für Investitionen der Wirtschaft und eine stärkere Wertpapier- und Bankenaufsicht. Er holte damit innerhalb von sechs Jahren 8,5 Millionen Menschen aus der Arbeitslosigkeit. Sie bauten mehr als 120 000 öffentliche Gebäude, eine Million Kilometer neue Straßen und 80 000 Brücken. Roosevelt führte auch eine Sozialversicherung ein.

Während die USA Anfang und Mitte der 30er Jahren langsam aus der Talsohle herauskamen, nahm das Verhängnis in Europa seinen Lauf. Um ihre Verluste zu decken, hatten amerikanische Investoren nach den massiven Kurseinbrüchen in New York ihr Geld aus Deutschland abgezogen. Gekoppelt mit dem Wegbrechen der Märkte für die weitgehend auf Exporte angewiesenen deutschen Unternehmen waren Bankrotte und Entlassungen und Kurzarbeit die Folgen. In Deutschland war 1932 jeder 3. arbeitslos. In dieser Lage fielen Angriffe auf die demokratische Grundordnung auf fruchtbaren Boden. Die Nsdap wurde bei den Reichstagswahlen 1932 stärkste Partei, Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.

Der amerikanische Historiker Harold James hat die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre in einem Buch aufgerollt. Vieles kommt dem Leser von heute erschreckend bekannt vor: Währungsspekulation, Produktivitätszuwächse durch neue Technologien, Aktieneinbruch, Arbeitslosigkeit, Beschränkung der Zuwanderung, Handelsschranken zum Schutz heimischer Lobbygruppen. Die Globalisierung sei nicht unumstößlich, ist sein Fazit, deshalb sei es in Krisenzeiten um so wichtiger, den Freihandel zu schützen und nötige Reformen für eine gesunde Wirtschaft voranzubringen. --- Von Christiane Oelrich, dpa ---

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