Hintergrund
Der zahme Minister

Steht die globale Zusammenarbeit im IWF oder der G7 vor dem Ende? Nach den ersten Äußerungen des neuen US-Finanzministers O?Neill waren die Europäer irritiert. Doch beim G7-Treffen in Palermo gaben sich die USA zahm ? eine Folge der schwächelnden US-Wirtschaft.

Schon der Ort des Geschehens ist symbolträchtig: Der knapp tausend Jahre alte Königspalast von Palermo ist ein wilder Mix verschiedenster Epochen und Kulturen: von der Gotik bis zur Renaissance, begonnen von den Sarazenen, erweitert von den Normannen, vollendet von den Sizilianern ? ein aus Steinen gebautes Denkmal kultureller Verschiedenheiten. Hinter diesen Mauern also sollten die unterschiedlichen Meinungen über das globale Finanzsystem beim G7-Gipfel aufeinander prallen.

Und es würde heftig geschehen, hatten Beobachter noch in der vergangenen Woche vermutet. Vor allem zwischen Amerika und dem Rest der Welt schien sich seit der US-Wahl und dem Abgang Bill Clintons ein Spalt aufzutun ? Äußerungen des neuen amerikanischen Finanzministers Paul O?Neill sowie des Wirtschaftsberaters von Präsident George W. Bush, Lawrence Lindsey, hatten insbesondere die Europäer irritiert: Ende der Politik des starken Dollars? Ende selektiver Interventionen? Ende der Ära globaler Zusammenarbeit in Institutionen wie dem IWF oder der G7?

Die kritischen Äußerungen über die künftige Zusammenarbeit im Hinterkopf, reisten die Europäer nach Palermo, um aus erster Hand von den Plänen der Bush-Abgesandten zu erfahren. Die aber gaben sich bei ihrer Premiere auf internationaler Bühne viel zahmer, als es die starken Worte im Vorfeld des G7-Treffens hatten vermuten lassen. ?O?Neill hat mehr zugehört als selbst gesprochen?, berichtet ein deutsches Delegationsmitglied.

Das ist beim Finanz-Establishment offenbar gut angekommen. ?Ich habe O?Neill als sympathisch und ausgeglichen empfunden?, berichtet artig Vincenzo Visco, Finanzminister des Gastgeberlandes Italien. EZB-Chef Wim Duisenberg sagt: ?Ich bin kein Psychologe, aber ich habe den Eindruck, dass wir mit unserer Arbeit in derselben kooperativen Art und Weise fortfahren können wie in den vergangenen Jahren.? Und dem deutschen Staatssekretär Caio Koch-Weser hat O?Neill einfach ?gut? gefallen. Die Amerikaner hätten eine aktive Rolle gespielt, so ?wie immer?. Tatsächlich zeigte sich O?Neill nach den gründlich missratenen Zeitungsinterviews in der vergangenen Woche auffällig bemüht, Zweifel an der Kontinuität der amerikanischen Position aus dem Weg zu räumen. Auf die Frage, ob er die Politik eines starken Dollars aufgeben wolle, antwortet er mit gespieltem Erstaunen: ?Jetzt bin ich aber doch überrascht...? und fügt nach theatralischer Pause hinzu: ?Ich glaube an einen starken Dollar, und ich habe nie gesagt, dass wir nicht für einen starken Dollar Politik machen.? Diesbezüglich denke er so wie seine Vorgänger Lawrence Summers und Robert Rubin.

Um diese Kontinuität amerikanischer Politik auch unter der neuen Regierung schriftlich zu belegen, scheinen bestimmte Teile des Kommuniqués von Palermo fast wörtlich aus dem des letzten beim G7-Treffen im September übernommen worden zu sein. ?Wir werden auch weiterhin die Wechselkurse beobachten und in diesem Feld wie bisher zusammenarbeiten.? Oder: ?Wir benötigen beides, makroökonomische und strukturelle Maßnahmen, um nachhaltiges Wachstum zu fördern.? Beruhigungspillen für kritische Beobachter?

Mit seinem Auftreten in Palermo hat O?Neill bewiesen, dass er ein Pragmatiker ist. Ideologien interessieren ihn nicht, eher schon die Durchsetzung des Möglichen. Allein die Tatsache, wie der neue Finanzminister über ein Jahrzehnt den Aluminiumriesen Alcoa geführt hat, lässt Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zu: Er war weder Sanierer noch Visionär. Vielmehr brachte er das Unternehmen der Old Economy mit Tugenden wie Arbeitssicherheit und Anwendung neuer Technologien an die Weltspitze.

Obwohl er überzeugter Verfechter der Marktwirtschaft ist, forderte er Anfang der 90er-Jahre, als billiges russisches Aluminium die Weltmärkte überschwemmte, von der US-Regierung industriepolitische Eingriffe. Er liebt Details, und man sagt ihm nach, zahlenversessen zu sein. Notenbankchef Alan Greenspan drückt es anders aus: O?Neill sei ein Analytiker, einer, der versucht, die Wirkung dessen, was er tut, bereits im Vorfeld zu kennen.

So ist O?Neill nicht entgangen, dass sich die Situation der Weltwirtschaft im letzten halben Jahr fundamental verändert hat. Amerika befindet sich mitten in einem Abschwung, von Rezession trauen sich aber erst wenige zu sprechen. Europa ist erstmals seit Jahren gefordert, die Lokomotive für das globale Wachstum zu spielen. Damit sich die Europäer aber künftig nicht zu stark fühlen, wollte O?Neill sie mit seinen Äußerungen vor dem Treffen bewusst irritieren, vermutete die italienische Delegation ? das Spiel um die Macht innerhalb der G7 hat begonnen.

Zwar versuchten die Finanzminister und Notenbankchefs in Palermo, die leicht verschobene Machtbalance bewusst herunterzuspielen. Zum Beispiel sagte Antonio Fazio, der Gouverneur der Banca d?Italia: ?Zum einen handelt es sich nur um eine Korrektur des sehr starken US-Wachstums im letzten Jahr, zum anderen werden kurzfristig die Zinssenkungen und mittelfristig die geplanten Steuersenkungen in Amerika zu Impulsen führen.?

Also. Keine Alarmglocken bitte. Doch so mancher Teilnehmer bemerkt während des Mittagessens bei Artischocken und Borretsch gefüllten Brötchen, bei Zahnbrassenfilet und Limoncello-Eis, dass diese neue Situation auch Chancen birgt. Ein italienisches Delegationsmitglied spricht es nur hinter vorgehaltener Hand aus: ?Es scheint so, als könne Europa sein Gewicht durch die robuste wirtschaftliche Konstitution vergrößern.?

?Europa ist dabei, sich von Amerika freizuschwimmen?, sagt ein anderer Italiener. ?Wenn wir es schaffen würden, den unbändigen Optimismus der Amerikaner zu kopieren, wäre schon viel gewonnen.? In der Tat: Wer O?Neill auf der Pressekonferenz sieht, hat nicht den Eindruck, den Finanzminister eines Landes vor sich zu haben, das sich am Rand einer Rezession entlanghangelt. ?Die Welt hat erst den Anfang einer goldenen Ära gesehen. Das Potenzial durch neue Technologien ist groß, alle können davon profitieren?, sagt O?Neill, ?auch Japan?.

Es ist der Moment, als Japans Notenbankchef Masaru Hayami fast auf der Treppe des Normannenpalastes ausrutscht und direkt in die Arme des mächtigen US-Notenbankchefs Alan Greenspan fällt.

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