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Hintergrund Der Zug rollt: Totaler Schuldenerlass für ärmste Länder in Sicht

Ein Befreiungsschlag von historischem Ausmaß könnte für die ärmsten Länder der Welt auf der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank Wirklichkeit werden: der Erlass von Milliardenschulden, deren Rückzahlung die Länder seit Jahrzehnten fast erstickt.

dpa-afx WASHINGTON. Ein Befreiungsschlag von historischem Ausmaß könnte für die ärmsten Länder der Welt auf der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank Wirklichkeit werden: der Erlass von Milliardenschulden, deren Rückzahlung die Länder seit Jahrzehnten fast erstickt.

Die USA preschten vor zwei Wochen mit der Radikalforderung nach dem totalen Schuldenerlass vor, Großbritannien setzt jetzt weitere Maßstäbe. Die Regierung in London will zehn Prozent der ausstehenden Schulden von mehr als 30 Ländern bei der Weltbank und der afrikanischen Entwicklungsbank aus eigener Tasche zahlen und fordert die anderen reichen Länder auf, nachzuziehen.

Deutschland, Frankreich, Japan, Italien und Kanada, die anderen Länder im Club der Reichsten (G7), dürften an diesem Freitag in Zugzwang kommen. Dann kommen die G7-Finanzminister unmittelbar vor der IWF - und Weltbank-Tagung in Washington zusammen. Die Schuldenerlass-Frage liegt auf dem Tisch.

Für die rund 30 ärmsten Länder wäre die Befreiung von den Zins- und Tilgungszahlungen eine Riesen-Chance. Sie müssen trotz Teilerlass im Rahmen der so genannten Hipc-Initiative von IWF und Weltbank noch immer rund 800 Mill. Dollar im Jahr für Schuldendienste aufbringen, Geld, dass sie eigentlich dringend zur Armutsbekämpfung brauchen. In ihrem jüngsten Fortschrittsbericht haben die Organisationen selbst eingeräumt, dass die meisten Länder trotz Hipc-Hilfe von einer untragbaren Schuldenlast, mehr als 150 Prozent der jährlichen Exporteinnahmen, erdrückt werden.

Drittweltgruppen kämpfen seit Jahren für den Schuldenerlass. "8 000 Menschen sterben jeden Tag durch Aids, während verarmte Regierungen Mrd. an unrechtmäßigen Kreditzinsen an reiche Institutionen wie IWF und Weltbank abführen", sagt Marie Clarke, Vorsitzende von Jubilee USA Network. "Von den ärmsten der Armen Geld zurückzuverlangen ist unter der Würde der Weltbank", sagt der US-Ökonom Jeffrey Sachs von der Columbia-Universität. "Sie müssen ihr Volk sterben lassen, um die Schulden zurückzuzahlen."

IWF und Weltbank sind in der Debatte seit langem in der Rolle der bösen Buben. Ohne massive Geldzusagen der reichen Länder sehen sie ihre Finanzbasis bei einem Schuldenerlass in Gefahr. "Das Gerede, dass die Weltbank gegen Schuldenerlass ist, ist Quatsch", sagt Weltbankpräsident James Wolfensohn. "Unsere Kredite kommen aber aus einem Umlauf-Fonds. Wenn das Geld nicht zurückfließt, muss die Summe von Geberländern ersetzt werden." Ohne entsprechende Zusagen gehe die Weltbank-Tochter IDA, die zinsfreie Kredite an die Ärmsten gibt, in zehn Jahren bankrott.

Der britische Vorstoß, die Schulden der Ärmsten bei Weltbank und afrikanischer Entwicklungsbank zu tilgen, würde das Problem vorübergehend lösen. Soll die Weltbank aber, wie die USA fordern, den Ärmsten in Zukunft von vornherein mit Zuschüssen helfen, die nicht zurückgezahlt werden, müssten die reichen Länder auch langfristig die Finanzierung sichern.

Auch der IWF hat sich aus Sorge um die eigene Finanzbasis lange gegen einen Schuldenerlass gestemmt. Großbritannien schlägt vor, dass der IWF die ausstehenden Schulden durch eine Neubewertung seiner erheblichen Goldreserven finanzieren kann. Die stehen in den IWF-Büchern mit einem Achtel ihres tatsächlichen Wertes.

Die sieben wichtigsten Industrieländer sind auch die größten Anteilseigner von IWF und Weltbank und haben zusammen mehr als die Hälfte der Stimmrechte. Wenn sie sich gemeinsam dafür einsetzen, steht dem Schuldenerlass und einer Neubewertung des Goldes nichts mehr im Wege. "Wenn die G7-Finanzminister zusammenkommen, muss gehandelt, nicht weiter geredet werden", fordert Clarke./oe/DP/zb

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