Hintergrund
Die Spitzenkandidaten zur Europawahl im Netz

Die Spitzenkandidaten der deutschen Parteien zur Europawahl stellen sich - natürlich - auch im Internet vor. Jeder versucht mit einer eigegen Note, die Wähler dazu zu bringen, zur Wahl zu gehen - und dann auch noch die Kreuzchen an der richtigen Stelle zu machen. Eine Analyse.

Ingo Friedrich, CSU

Die Hemdsärmel sind hochgekrempelt, der Ellenbogen auf das hochgestellte Knie gestützt - der Spitzenkandidat der CSU, Ingo Friedrich, will betont sportlich wirken. "Grüß Gott" steht da, und die europäische Fahne weht: weltoffen, aber bayerisch, so will Friedrich, der Vizepräsident des Europäischen Parlamentes ist, Wähler ansprechen.

Weniger sportlich und locker wirkt der CSU-Spitzenkandidat in seinem schwarzem Anzug aber in seiner Fotogalerie: Friedrich vor dem Wahlkampfbus, Friedrich bei der "feierlichen Überreichung des Großen Bundesverdienstkreuzes" mit dem Bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, Friedrich bei der Leitung der Plenarsitzung im Europäischen Parlament, Friedrich mit CDU-Chefin Angela Merkel.

Wohl geordnet - wie die Homepage des Kandidaten - wirkt auch der Lebenslauf des Politikers Friedrich. Unter der Ausbildung und der Beruflichen Tätigkeit sind Parteiämter, Öffentliche Ämter, Ehrenämter und Orden angelegt. Von allem hat der Volkswirt und Familienvater reichlich. Die Liste seiner politischen Erfolge scheinen so lang zu sein, dass er sie unter einen eigenen Link zusammenfasst.

In einem alle drei Monate erscheinenden "Bericht aus Brüssel" informiert der Vizepräsident des Europäischen Parlamentes Bürger - so in der aktuellen Ausgabe über den Beitritt zehn neuer Mitgliedstaaten aus Mittel- und Osteuropa.

Dr. Hans-Gert Pöttering, CDU

Der Spitzenkandidat der CDU ist Schriftsteller. Und ein guter Marketing-Mann. Zumindest sieht, wer die Homepage von Hans-Gert Pöttering anklickt, zunächst kaum mehr als sein Gesicht und den Hinweis: "Am 13.6.2004, dem Tag der Europawahl, werden 20 Exemplare des neuen Buches von Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering unter denjenigen, die sich in das folgende Formular eintragen, verlost.

"Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt." Ein Schelm, wer dabei denkt, er wolle Gewinner so daran erinnern, wo sie ihr Kreuzchen zu machen haben.

Schließlich ist es auch nicht das erste Buch von Pöttering: "Von der Vision zur Wirklichkeit", und über den "Kontinent Europa: Kern, Übergänge, Grenzen" hat er bereits geschrieben. Nun also über "Europas vereinte Staaten - Annäherungen an Werte und Ziele".

Europa beschäftigt den Juristen aber nicht er seit kurzem: Bereits von 1974 bis 1980 war er europapolitischer Sprecher der Jungen Union Niedersachsen. Und auch in seinen Hobbies finden sich seine beruflichen Ambitionen wieder: Der Autor liest gerne und spielt Karten. Und das können auch die Besucher seiner Webseite: mit einem Memory-Spiel, dessen Karten die EU-Mitgliedsstaaten schmücken.

Martin Schulz, SPD

Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Martin Schulz im Arm und der ein Eurobarometer - so die Reihenfolge der bildlichen Darstellung auf der Homepage des SPD-Spitzenkandidaten. Seit zehn Jahren vertritt der SPD-Abgeordnete, der der Fraktion der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) angehört, die Wahlkreise Aachen, Heinsberg, Düren und Euskirchen im Europäischen Parlament.

Wer die kleine Schrift entziffern kann, entdeckt auf der Webseite des Politikers einen Steckbrief, in dem er seine Grundsätze aufzeigt: "Freiheit und Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Sicherheit für Europa und den Rest der Welt". Das Mitglied des SPD-Bundesvorstandes Schulz meint, seine Arbeit auf Kreisebene wirke sich insbesondere auch aufgrund des euregionalen Standortes des Kreises Aachen auf seine Tätigkeit als Europaabgeordneter aus.

Wer auch den kleingeschriebenen Weg zu den Ansichten des Politikers gefunden hat, kann einiges über ihn lernen: Weil er "für eine friedliche und gerechte Welt" kämpfen will, sei er politisch aktiv, zu den politischen Vorbildern des 49-Jährigen zählen Willy Brandt und Nelson Mandela, reisen will er gerne nach Andalusien und Rom und zu seinen Leidenschaften zählt - Original-Reihenfolge - "Lesen, Reisen, Geschichte, meine Frau". Und über wen lacht Schulz am liebsten? "Über mich selbst", schreibt er.

Silvana Koch-Mehrin, FDP

"SMS von Silvana" - wer eine Nachricht von der FDP-Spitzenkandidatin bekommen mag, muss ihr nur eine Frage oder Anregung schicken. Damit wirbt sie zumindest auf ihrer persönlichen Webseite.

Die erst 33-jährige Silvana Koch-Mehrin hat bereits neben ihrem Studium der Volkswirtschaftslehre und Geschichte im Europaparlament gearbeitet. Am Ende ihres Studiums war sie stellvertretende Bundesvorsitzende und Pressesprecherin der Jungen Liberalen. Nun will sie als Politikerin bei der FDP für Aufschwung sorgen - das drückt zumindest das Foto und die selbsternannte "Topstory" auf ihrer Webseite aus.

In ihr erzählt die junge Frau von einem Haus im Zentrum von Brüssel, wo überall Holzfußboden liegt und selbst gemalte Bilder von Oma Erika hängen, wo vor dem Kamin sie, die Mama, Croissants schmiert und Papa mit dem "Töchterchen" albert. "Was klingt wie der Werbespot für eine Familienmargarine, ist in Wahrheit das ganz persönliche Glück von Silvana Koch-Mehrin". Nur, dass der Besucher der Seite keine Butter kaufen, sondern FDP wählen soll.

Vor allem will die FDP-Spitzenkandidatin so eines: Den Bürgern vermitteln, wie nahe ihnen Europa schon heute ist: "Viele sagen, Europa ist weit weg. Dabei kommen schon heute 70 Prozent der Wirtschaftsgesetze aus Brüssel. Das hat direkten Einfluss auf unser Leben."

Rebecca Harms, Bündnisgrüne

Sie ist mit jedem gleich auf Du und Du, die Rebecca. "Du entscheidest", lädt die Spitzenkandidatin der Grünen ihre Wähler ein. Du entscheidest, ob Du mehr über Rebecca unterwegs, Rebecca im Landtag oder Rebecca Zuhause erfahren möchtest.

Auf ihrer Homepage lernt der Leser sie kennen, die grüne Rebecca als Baumschul- und Landschaftsgärtnerin, als Mitglied einer Wohngemeinschaft, als Retterin beim Elbehochwasser. Und wer glaubt, dass sie das nur einen Fototermin hatte, wird eines besseren belehrt "Fünf Tage Dauereinsatz" ist in Klammern zu lesen.

Dauereinsatz hat die Abgeordnete auch in Brüssel bereits hinter sich: Dort begann sie nach dem verspäteten Versuch eines Studiums, wie sie schreibt, 1984 bei Undine von Blottnitz nach ihrer Wahl zur Europaabgeordneten als Mitarbeiterin und lernte soviel "wie in einem Studium".

Die Ziele von Rebecca Harms in und für Europa muss man auf der Webseite der Politikerin suchen. Der Mensch Rebecca steht im Vordergrund - und das soll er auch, schließlich schreibt sie: "Natürlich geht es hier in erster Linie um Politik. Das ist mein Job. Den mache ich auch gerne. Aber es gibt eben noch mehr im Leben: Meine Freunde, die Filmemacherei, meine Hobbys und andere mehr oder weniger private Dinge".

Sylvia-Yvonne Kaufmann, PDS

Wer hätte das gedacht: Eine PDS-Politikerin im dunklen Jackett. Die Europawahl macht es möglich, Sylvia-Yvonne Kaufmann, Abgeordnete des Europäischen Parlaments und PDS-Spitzenkandidatin, strahlt die Besucher ihrer Webseite an. Mit der Arbeit an ihren Themenschwerpunkten "Soziales Europa, Institutionelle Reform der EU, EU-Grundrechtecharta, Justiz und Inneres, Antirassismus" will sie für ein anderes Europa sorgen. So lautet der Wahlslogan der PDS: "Ein anderes Europa ist nötig, ein anderes Europa ist möglich".

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