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HINTERGRUND: Droht Steuersparmodellen das Aus?

Eine schlichte Verwaltungsanweisung könnte zu erheblichen Turbulenzen auf dem Markt für geschlossene Immobilienfonds führen. Anlegern droht Unheil, sollten die Finanzbehörden tatsächlich die Frist für die so genannte Liebhaberei deutlich kürzen und Steuererstattungen bei geschlossenen Immobilienfonds neu geregelt werden. Im schlimmsten Fall müssten etliche Anleger - und zwar nicht nur Zahnärzte und Rechtsanwälte - viele Steuer-Gelder wieder an den Fiskus zurück zahlen.

BERLIN (dpa-AFX) - Die Einkommenssteuerreferenten von Bund und Ländern haben selten so viel Aufmerksamkeit wie dieser Tage. Die gesamte Immobilienbranche wartet darauf, was die Experten womöglich an diesem Freitag nach dreitägigen Beratungen entscheiden. Eine schlichte Verwaltungsanweisung könnte zu erheblichen Turbulenzen auf dem Markt für geschlossene Immobilienfonds führen. Anlegern droht Unheil, sollten die Finanzbehörden tatsächlich die Frist für die so genannte Liebhaberei deutlich kürzen und Steuererstattungen bei geschlossenen Immobilienfonds neu geregelt werden. Im schlimmsten Fall müssten etliche Anleger - und zwar nicht nur Zahnärzte und Rechtsanwälte - viele Steuer-Gelder wieder an den Fiskus zurück zahlen.

Geschlossene Immobilienfonds waren ein Milliardengeschenk der deutschen Einheit. Tausende Anleger erlagen in der Nachwendeeuphorie verlockenden Steuerspar-Modellen. Allen Warnungen zum Trotz flossen Milliarden in die Projekte. Folge des Steuerspartriebs waren auch unzählige Investitionsruinen. Was viele Anleger zunächst nicht juckte, konnten sie ihre Verluste doch von der Steuer absetzen.

GEWINNERZIELUNGSABSICHT MUSS VORLIEGEN

Bisher wird von Immobilienbesitzern ein "Totalüberschuss" ihrer Investitionen nach spätestens 100 Jahren verlangt - die Summe aller Steuerergebnisse muss dann positiv sein. Wenn nicht, geht der Fiskus von "Liebhaberei" aus. Berühmtes "Liebhaberei"-Beispiel ist der Pferdezüchter, der privat nur gern reitet, aber nie ein Pferd verkauft und die Kosten für sein Hobby auf den Fiskus abwälzt. Bei geschlossenen Immobilienfonds wird diese Frist nun womöglich auf 30 Jahren verkürzt. Sollte der Fonds also nach 30 Jahren unterm Strich immer noch rote Zahlen schreiben, liegt aus Sicht der Behörden keine Gewinnerzielungsabsicht vor. Mit der Folge, dass alle genutzten Steuervorteile nachträglich wieder rückgängig gemacht werden könnten.

"Das wäre so, als würde der Schiedsrichter mitten im Fußballspiel die Spielregeln verändern, und zwar rückwirkend", schimpft Jürgen Michael Schick vom Verband Deutscher Makler (VDM). Er befürchtet "dramatische Folgen" und die Vernichtung "Zehntausender Existenzen" - und nicht erst 2034, sondern schon in den folgenden Jahren. Der renommierte Fonds-Experte Stefan Loipfinger verweist darauf, dass alle bisher erhaltenen Steuererstattungen an das Finanzamt zurück gezahlt werden müssten, sollte es so kommen wie befürchtet: "Für viele Anleger wäre das der persönliche Ruin." Nach den Worten von Carsten Lucht vom Verband Geschlossener Immobilienfonds (VGI) trifft es auch denjenigen, "der ein paar tausend Euro investiert hat".

50 MILLIARDEN EURO INVESTIERT

Seit der Wende haben Anleger schätzungsweise 50 Milliarden Euro in geschlossene Immobilienfonds gezahlt, davon überwiegend in den Osten. Anhänger verweisen darauf, dass es der Fiskus selbst war, der Anleger anfangs mit Steuervorteilen zu Investitionen anregte. Auf diese Art sei der Aufbau Ost überhaupt erst angekurbelt worden. Seriöse Gutachten hätten manchen Regionen einen wahren Boom vorausgesagt. Selbst Börsenguru Andre Kostolany war sich damals sicher: Als junger Mensch würde er sein Geld in eine Berliner Immobilie stecken, hatte er mal gesagt. Wohl wissend, dass man für sprudelnde Gewinne aus Anlagen in geschlossene Immobilienfonds einen langen Atem braucht.

Dem Fiskus sind die Steuerschlupflöcher seit längerem ein Dorn im Auge. Sollte die neue "Liebhaber"-Regelung rückwirkend für alle "offenen" Fälle gelten - also steuerlich noch nicht endgültig geprüfte - könnte zumindest die öffentliche Hand kräftig kassieren.

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