Hintergrund
Middelhoff verwandelt Bertelsmann in Entertainment-Konzern

Die Bertelsmann AG hat zur vollständigen Übernahme von Europas führender Radio- und TV-Holding den 22-Prozent-Anteil von Pearson an der RTL Group übernommen. Der britische Medienkonzern hatte das Interesse an dem RTL-Investment in dem Moment verloren, da sich die beiden Großgesellschafter Bertelsmann (37 %) und GBL (30 %) Anfang Februar dieses Jahres einigten. Die GBL tauschte ihren Anteil gegen 25 % der Bertelsmann-Anteile. Damit hatte Pearson keinen Einfluss mehr auf die weitere Entwicklung der RTL Group.

dpa-afx HAMBURG. Angekündigt hatte Bertelsmann-Chef den Schritt schon Anfang November: "Größere Akquisitionen" stünden bald ins Haus, sagte er in einem Interview. "Außerdem glauben wir, dass wir schon bald in Europa unsere Beteiligungen an Fernsehsendern ausbauen können", sagte er. "Die Zeit dafür ist gut. Keinesfalls werden wir ein Hollywood-Studio kaufen, auch ins Kabelgeschäft steigen wir definitiv nicht ein."

Die Zeit ist in der Tat für ihn und gegen die Verkäufer, die Pearson-Gruppe, gelaufen. Das Jahr 2001 war für werbefinanzierte Fernseh- und Radiounternehmen ein Desaster. Vier Mal musste die börsennotierte RTL Group Gewinnwarnungen abgeben. Selbst Europas erfolgreichster Fernsehsender und Werbeträger Nr. 1, der Kölner Privatsender RTL, wird nach langer Zeit Verluste ausweisen.

Das dürfte Thomas Middelhoff nicht nachhaltig die Laune verdorben haben. Denn es hat den Preis für seine derzeit wichtigste strategische Investition verbilligt: 1,5 Mrd. ? (2,93 Mrd DM) zahlte Bertelsmann für die (fast) vollständige Übernahme der RTL Group. Den nur mit diesen zusätzlichen 22 % kann sich Middelhoff auf die Suche nach neuen Expansionsmöglichkeiten machen. Das langfristige Ziel ist im Visier: Der US-Fernsehmarkt. Doch der ist derzeit noch für Ausländer schwer zugänglich.

Entwicklung vom Print- zum Entertainment-Konzern

Kurzfristigere Ziele könnten der spanische Fernsehmarkt sein und auch die Übernahme des TV-Produzenten Endemol würde sehr gut ins Konzept passen. Besitzer ist die spanische Telefonica und Gespräche werden seit längerer Zeit kolportiert. Das einzige Problem ist der hohe Preis, den der spanische Telefonkonzern in der Boom-Zeit gezahlt hat (6 Mrd. ?) und der realistische Wert in den heutigen Zeiten der Ernüchterung, der wesentlich darunter liegt.

Mit der Übernahme der RTL Group zeigt Middelhoff deutlich die Richtung der weiteren Entwicklung des gesamten Unternehmens an: Weg vom traditionellen Print-Haus hin zum Entertainment-Konzern. Die Bertelsmann AG wird sich so in zwei bis drei Jahren der Börse präsentieren und bis dahin hofft der Architekt des Umbaus auf bessere Zeiten im werbefinanzierten Medienmarkt.

Für Middelhoff stellt die Übernahme von fast 90 % der RTL Group auch einen persönlichen Triumph dar: Er begann 1994 mit dem Ausbau des Fernsehgeschäfts, verwandelte 1996 einen Minderheitsanteil am deutschen Sender RTL in eine 50:50-Partnerschaft mit der Luxemburger RTL-Mutter CLT. Daraus wurde 2000 die Fusion mit Pearson-TV: Zu den Kanälen kam die starke Produktion hinzu und nun gehört Bertelsmann fast alles - knapp elf Prozent sind derzeit noch im Streubesitz an der Börse.

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