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Hintergrund Revolution mit vielen Haken: die neuen Bilanzierungsregeln Ifrs

Fast unbemerkt vollzieht sich in vielen Unternehmen derzeit eine Revolution. Mit Hochdruck stellen die Firmen ihre Rechnungslegung auf die neuen internationalen Standards Ifrs um. Bis zum Stichtag 1. Januar 2005 müssen Buchhalter und Rechnungsprüfer die Bilanz völlig umkrempeln.

dpa-afx FRANKFURT. Fast unbemerkt vollzieht sich in vielen Unternehmen derzeit eine Revolution. Mit Hochdruck stellen die Firmen ihre Rechnungslegung auf die neuen internationalen Standards Ifrs um. Bis zum Stichtag 1. Januar 2005 müssen Buchhalter und Rechnungsprüfer die Bilanz völlig umkrempeln. Gleichzeitig wird die Kritik an den neuen Regeln immer lauter. Experten warnen vor einem "Supergau" für den deutschen Mittelstand und einem "Betriebsprüfungschaos".

Dabei wollte die Europäische Union mit ihrer Verordnung vom Juli 2002 einheitliche europäische Regeln schaffen, die den Anlegern mehr Durchblick bescheren. Die Ifrs-Regeln (International Financing Reporting Standards, früher auch IAS genannt) gelten für alle börsennotierte Unternehmen. Großkonzerne wie Daimler-Chrysler oder Basf , die nach dem amerikanischen Regelwerk US-Gaap bilanzieren, haben eine Übergangsfrist bis 2007. Schätzungsweise 1 000 Unternehmen in Deutschland müssen bis 2005 umstellen.

Druck Wird Steigen

Eigentümerorientierte Firmen vom Handwerksbetrieb bis zum Mittelständler können freiwillig umstellen - nach Expertenansicht geraten sie aber in einen Sog. "Der Druck auf sie wird steigen", sagt der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU), Rémi Redley. "Das gilt für Mittelständler, die Kredite benötigen, Investoren suchen oder mit internationalen Konzernen zusammenarbeiten." Banken und Ratingagenturen würden aus Gründen der Vergleichbarkeit nur noch eine Sorte Zahlen akzeptieren.

Die Vorteile der neuen internationalen Grundsätze liegen auf der Hand. "Die Abschlüsse deutscher Firmen werden mit denen ihrer internationalen Wettbewerber vergleichbar. Die Kapitalbeschaffung wird leichter", sagt der Bilanz-Spezialist an der Universität Saarbrücken, Prof. Karlheinz Küting. Man hoffe auf mehr Transparenz: Stille Reserven, wie sie das Handelsgesetzbuch (HGB) bewusst ermöglicht, sind verpönt. In vielen Fällen weisen die Bilanzen mehr Eigenkapital aus - das kann zu einem besseren Bankenrating und besseren Zinskonditionen führen.

Die viel gelobte Transparenz sei aber ein Trugschluss. "Ifrs bietet enorme Spielräume für Bilanzmanipulation", sagt Küting. "Damit kann man die Zahlen tanzen lassen." Die Bilanzierer könnten sich zum Beispiel bei der Abschreibung des Firmenwertes, der Bilanzierung von Vermögensgegenständen zu "Marktpreisen" oder der Aktivierung von selbst geschaffenen Werten ihre Zahlen schönfärben. "Bei größeren Unternehmen sind das Milliardenbeträge."

Kostenlawine

Viele Unternehmen in Deutschland schrecken bisher noch vor dem Schritt zurück, weil sie die Kostenlawine scheuen. "Fast die Hälfte der dazu verpflichteten Unternehmen hat noch nicht umgestellt", schätzt Sven Hayn, Experte für internationale Rechnungslegung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. So müssen sie die Buchführung komplett ändern, Mitarbeiter schulen und in eine andere Software einarbeiten. Da die Ifrs-Regeln ständig überarbeitet werden, sind Neuerungen zu verfolgen. Ihr Volumen ist schon jetzt größer als das der HGB-Regeln.

Doppelarbeit und bürokratischer Aufwand sind garantiert, weil die Finanzämter auf dem gewohnten Abschluss nach HGB bestehen - zur Ermittlung der Gewinnausschüttung und der Steuern. "Die Mehrkosten reichen bei einem mittelständischen Unternehmen von 200 000 Euro locker bis zu einer Million Euro", schätzt Sven Hayn. Nach Angaben des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (Bvmw) haben von den drei Mill. deutschen Mittelständlern bislang erst wenige hundert umgestellt, rund 60 Prozent wüssten gar nicht, was das für sie bedeutet. "Ich sehe in einem internationalen Abschluss weder einen Sinn noch einen besonderen Nutzen für den typischen mittelständischen Betrieb hier zu Lande", sagt Bvmw-Präsident Mario Ohoven.

Angesichts der Kritik diskutiert das Expertengremium International Accounting Standards Board (Iasb) mit Sitz in London, das die Regeln zusammenstellt, inzwischen über eine abgespeckte Version der Standards für Mittelständler, die geringere Anforderungen stellt. "Das ist nicht ausreichend", findet Prof. Küting. Er verlangt ebenso wie die Verbände, den Mittelstand ganz von der internationalen Rechnungslegung frei zu halten.

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