Archiv
Historiker mit moralischem Anspruch: Eberhard Jäckel wird 75DPA-Datum: 2004-06-28 15:01:59

Stuttgart (dpa) - Eberhard Jäckels Leben ist geprägt vom Blick zurück. Die Forschung um Hakenkreuz und Reichsadler hat den Historiker begleitet, beschäftigt und berühmt gemacht. Und seine Kenntnis um das Grauen dieser Zeit nutzt der Wahl-Stuttgarter mit moralischem Anspruch wie kaum ein anderer, um seine Zeitgenossen aus der Geschichte lernen zu lassen. An diesem Dienstag wird der international renommierte Wissenschaftler 75 Jahre alt.

Stuttgart (dpa) - Eberhard Jäckels Leben ist geprägt vom Blick zurück. Die Forschung um Hakenkreuz und Reichsadler hat den Historiker begleitet, beschäftigt und berühmt gemacht. Und seine Kenntnis um das Grauen dieser Zeit nutzt der Wahl-Stuttgarter mit moralischem Anspruch wie kaum ein anderer, um seine Zeitgenossen aus der Geschichte lernen zu lassen. An diesem Dienstag wird der international renommierte Wissenschaftler 75 Jahre alt.

Jäckel hat seinen ganz besonderen Teil dazu beigetragen, dass die Erinnerung an die Verbrechen Nazi-Deutschlands nicht vergessen und verdrängt wird. Er suchte dazu nicht selten den Weg auf den TV- Schirm und als streitbarer Gast auch in die Talkshows. Seine Forschungsgebiete - das Deutschland des 20. Jahrhunderts und vor allem die Hitler-Jahre - machten es ihm dabei sicherlich leichter. Ob Beutekunst oder Zwangsarbeiter-Entschädigung, Historikerstreit oder Holocaust-Mahnmal - Jäckel war und ist ein kompetenter und gern gesehener Gast in aktuellen Diskussionsrunden.

Der Ingenieurssohn aus Wesermünde fand seinen Weg nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst an die Universitäten von Göttingen und Tübingen, Gainesville (Florida) und Paris. Mitte der 50er Jahre promovierte Jäckel in Freiburg, 1961 habilitierte er in Kiel, sechs Jahre später übernahm er als Nachfolger von Golo Mann eine Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart. Den Schwaben blieb er drei Jahrzehnte treu. Unter anderem als Direktor des Historischen Instituts machte er die Universität der Landeshauptstadt zu einem Zentrum für Zeitgeschichte. Lediglich für Gastprofessuren zog es Jäckel nach Indien, ins englische Oxford und nach Tel Aviv (Israel).

Auf seine wissenschaftliche Fahne hatte sich Jäckel in all diesen Jahrzehnten die Hitlerforschung geschrieben. NS-Zeit, Völkermord an Juden, Roma und Sinti, vor allem aber den Umgang der Deutschen mit dieser Vergangenheit machte er zu den bevorzugten Themen seiner Forschung. Seine Analyse «Hitlers Weltanschauung» sorgte 1969 und als erweiterte Ausgabe 1981 für Aufsehen, 1980 erschien die gewichtige Quellensammlung «Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924». Doch auch Jäckel musste erkennen, dass die Geschichtsforschung nicht unfehlbar ist: In seine Sammlung gerieten Werke aus der Fälscherwerkstatt des später als Hitler-Tagebuchautor bekannt gewordenen Konrad Kujau. Nach dem Erscheinen der angeblichen Hitler- Tagebücher 1983 im «Stern» gehörte Jäckel dann zu den ersten Fachleuten, die die Authentizität der vermeintlichen Sensation in Frage stellten.

Für die gemeinsam mit der Journalistin Lea Rosh erstellten vier Dokumentarfernsehfilme «Der Tod ist ein Meister aus Deutschland» erhielt Jäckel 1990 den Geschwister-Scholl-Preis. In mehrjährigen Recherche- und Dreharbeiten hatten sie sich der Themen Deportation und Ermordung der Juden in Europa angenommen, später stritten sie auch öffentlich erfolgreich für ein nationales Holocaust-Mahnmal in Berlin. Gemeinsam mit Peter Longerich und Julius Schoeps gab Jäckel zudem die «Enzyklopädie des Holocaust» (1993) heraus, die in drei Bänden und mit rund 1000 Stichwörtern als Standardwerk für Neuhistoriker gilt. Jäckels Band «Das deutsche Jahrhundert» (1996) schließlich wird von der Kritik lobend als «Anti-Goldhagen» eingestuft - zuvor hatte sich der Historiker als einer der lautstärksten Kritiker des US-Sozialwissenschaftlers Daniel Goldhagen und dessen These von den Deutschen als «Hitlers willige Vollstrecker» hervorgetan.

Öffentlich ist Jäckel nach wie vor aktiv, unter anderem seit Ende der 60er Jahre als SPD-Mitglied sowie als Betreuer der monatlichen Geschichtszeitschrift «Damals».

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%