Historisches Tief liegt 12 Jahre zurück
Die Suche des Dax nach "Halt"

Die Stimmung am deutschen Aktienmarkt ist auf dem Tiefpunkt. Einige Analysten glauben bestenfalls an einen geringfügigen Kursaufschwung zum Jahreswechsel. Für 2001 keimt aber wieder Hoffnung.

FRANKFURT. Das typische Verhaltensmuster der Kleinanleger ist die Verlustmaximierung." Sicher ist diese Einschätzung seitens eines professionellen Investmentbankers überzogen, aber seine Argumentation ist nicht schlecht: Die privaten Anleger nutzten im Grunde trotz aller Aufklärung nur eine Information zum Einstieg, nämlich einen optisch günstigen Preis. Damit liefen sie aber Gefahr, in die Fortsetzung eines Abschwungs zu geraten.

Schlimmer als jetzt könne es doch kaum noch werden, heißt es an vielen Anlegerstammtischen. Aber, die Frage muss erlaubt sein: warum eigentlich nicht? Positiv ist sicher, dass trotz der bescheidenen Performance des Dax die Liquidität stimmt. Im Mittel lagen die Umsätze an allen deutschen Börsen seit April auf Monatsbasis um 36 Prozent über den Vorjahreszahlen. Das könnte sich aber ändern, wenn die weltweit anlegenden Fondsmanager ihre Gewichtung in deutschen Werten stärker verringern, als sie es ohnehin schon seit April getan haben. Gründe sind unter anderen der schwache Euro und die stärkere Berücksichtigung des Streubesitzes in europäischen oder globalen Indizes.

Entsprechend verhalten sind die Kursprognosen. Einige Analysten gehen sogar davon aus, dass die sonst so berühmte Jahresendrally ausfällt. Merrill Lynch beispielsweise rechnet damit, dass sich der Deutsche Aktienindex (Dax) bis zum Jahresende seitwärts bewegen wird. Auch für die Kursentwicklung bis zur Mitte des kommenden Jahres sind manche Banker nicht allzu optimistisch: Philip Wolstencroft, für Europa zuständiger Investmentstratege in London, erwartet dann den Dax auf einem Niveau von rund 7 000 Punkten. Wie viele seiner Kollegen empfiehlt er nicht bestimmte Branchen zum Kauf, sondern sieht nur bei einzelnen Qualitätstiteln wie der Hypo-Vereinsbank oder der Deutschen Lufthansa Kurspotenzial. Chemiewerte wie BASF sollten Anleger auf Grund des hohen Ölpreises abstoßen, rät er.

Michael Schubert, Leiter Aktienstrategie bei der Bankgesellschaft Berlin, zählt dagegen zum Lager der Optimisten und kann sich schon bis zum 31. Dezember einen Dax-Stand um 7 000 Punkte vorstellen. Ende 2001 seien 8 000 Punkte nicht auszuschließen. Überhaupt sei die "Stimmung schlechter als die Lage". Die Gewinne der Dax-Unternehmen sollten in den Jahren 2001 und 2002 um rund zehn Prozent steigen, "das müsste der Finanzmarkt kursmäßig erst mal nachvollziehen", erläutert Schubert. Seine Favoriten sind Deutsche Bank ("gute strategische Positionierung"), Henkel ("überzeugende Unternehmenspolitik") und im Technologiesektor Epcos ("nah an der Handytechnik platziert").

Auch Invesco-Fondsmanager Bernhard Langer ist in der Mannschaft der Bullen zu finden. Er sieht den Dax Ende 2000 zwischen 7 200 und 7 400 Punkten. Die Stimmung am Markt sei derzeit zwar schlecht, aber der ökonomische Datenkranz eigentlich gut, was den Marktteilnehmern wieder bewusst werden dürfte. Auch wenn die Unternehmen ihre Gewinnprognosen nach unten korrigieren mussten, so wiesen sie dennoch Gewinnsteigerungen bis zu zwölf Prozent auf. Gute Chancen auf Kurszuwächse sieht der Fondsmanager bei Allianz sowie der Münchener Rück. Fresenius Medical Care und Schering würde er halten, aber nicht kaufen, da die Titel bereits hoch bewertet seien. RWE und Eon seien ebenfalls deutlich gestiegen und derzeit angesichts des Margendrucks in ihrem Geschäft nicht erste Wahl. Die Kursentwicklung bei der T-Aktie habe ihn enttäuscht.

Indessen rechnet DIT-Fondsmanager Harald Sporleder mit Kursrückschlägen; bei 6 200 Punkten werde der Dax aber einen Boden finden. Mittlerweile sei der Markt auch überverkauft, die allgemeine Beurteilung überzogen pessimistisch; das sei eine gute Voraussetzung für eine Aufwärtsbewegung. Der Fondsmanager erwartet zudem eine leichte Erholung des Euros in den nächsten Monaten. Dies werde das Vertrauen der Anleger in den deutschen Finanzmarkt stärken und Kapital anziehen. Im Übrigen sei "keine weitere Tretmine im Technologiesektor sichtbar". In sechs Monaten dürfte der Dax daher bei bis zu 7 600 Punkten notieren. Zu seinen Favoriten zählt Sporleder Preussag. Für ein Investment sprächen die Expansionsmöglichkeiten im Reisegeschäft. Relativ hoch bewertet sei die BMW-Aktie.

Für eine Wette auf den gesamten Automobilsektor ist es auch nach Einschätzung von Hans-Joachim König, Aktienspezialist bei der Anlagegesellschaft Union Investment, noch zu früh. Allerdings könne die Einführung überzeugender Produkte hier manche zyklische Schwäche überwinden. Seine Auswahl an Einzeltiteln umfasst SAP, wobei der Anleger Korrekturen als Kaufgelegenheiten nutzen solle, und Daimler-Chrysler, wo Union "in den jüngsten Kursrückgängen schon auf der Käuferseite gewesen ist".

Sollte der Dax tatsächlich in den nächsten zwölf Monaten bis in die Region von 7 800 oder 8 000 Punkten zulegen, wäre er nicht mehr sehr weit vom Allzeithoch von 8 136 Punkten entfernt. Übrigens: Das historische Tief weist das Dax-Chart am 28. Januar 1988 aus - 931 Punkte.

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