Hochöfen, Gussanlage, Walzwerk werden nach China verschifft
Puzzle aus Stahl

Thyssen-Krupp verkauft ein Stahlwerk nach China: 250 000 Tonnen Anlagen, in Dortmund demontiert, bei Schanghai wieder aufgebaut - für beide Seiten ein gutes Geschäft.

Nummer GF040259 ist versandfertig - eingewickelt, verzurrt und in Holz verpackt. Absender: Thyssen-Krupp Stahl AG, Westfalenhütte Dortmund. Adressat: Schagang Group, Zhianjiangang in der Nähe von Schanghai. Nummer GF040259 war vor wenigen Monaten noch der Hubwerksmotor eines Krans in einer der traditionsreichsten Stahlhütten Deutschlands. Ende 2004 soll er das Hubwerk wieder antreiben - im selben Werk, aber rund 9 000 Kilometer entfernt.

Die Schagang Group, einer der größten chinesischen Stahlkonzerne, hat die im Frühjahr 2001 stillgelegte Anlage in Dortmund fast komplett gekauft. Lediglich ein Forschungszentrum und eine Anlage zur Feuerverzinkung werden in Dortmund bleiben.

Hochöfen, Gussanlage, Walzwerk und die Sinteranlage, in der Erze und Koks gemischt werden: alles soll demontiert, über Antwerpen nach China verschifft und dort wieder aufgebaut werden. Das Vorhaben gleicht einem Puzzlespiel: Auf einer Fläche, die rund 250 Fußballfeldern entspricht, werden 250 000 Tonnen Industrieanlagen in kleine Teile zerlegt, beschriftet und katalogisiert. Neben großen Förderbändern liegen Pakete mit Stahlplatten, Röhren oder Zahnrädern.

Von der Umsiedlung profitieren beide Seiten. "Wir hätten die Anlage ansonsten kurz und klein gemacht und verschrottet", sagte Thyssen-Krupp-Vorstand Hans-Ulrich Lindenberg. Aber das wäre ein Verlustgeschäft gewesen: Der Schrottpreis hätte die Kosten nicht gedeckt. Schagangs Vizechef Honglin Zhao erläutert, ein Neubau wäre teurer gewesen und hätte länger gedauert: "Wir gewinnen so mindestens zwei Jahre." Für einen Neubau hätten die Chinesen mehr als 1,5 Milliarden Euro investieren müssen. Der Kauf der Dortmunder Anlage dürfte dagegen inklusive Ab- und Aufbau nach Schätzung von Branchenexperten rund die Hälfte kosten.

Das Stahlwerk ist nicht die erste Großanlage in Deutschland, die auseinander genommen und in aufstrebenden Entwicklungsländern wieder aufgebaut wird. So verschiffte Mobil Oil 1999 eine Raffinerie im pfälzischen Wörth in 300 000 Teilen nach Indien. Und Thyssen-Krupp verkaufte einen 20 000-Tonnen-Hochofen des Dortmunder Stahlwerks Phoenix an die chinesische Handan-Iron-Steel-Gruppe.

Für die Demontage der Westfalenhütte gibt es exakte Zeitvorgaben. "Das richtige Teil muss zum richtigen Zeitpunkt abgebaut werden, damit das richtige Teil auch zum richtigen Zeitpunkt in China ankommt", erklärt Thyssen-Krupp-Projektleiter Horst Schlein. Derzeit sind die 800 chinesischen Fachleute in blauen Overalls vor allem mit dem Abbau der beiden Hochöfen beschäftigt. Der Staubsack eines Ofens liegt, in drei Teile zerlegt, auf dem Gelände, das die Stadt Dortmund demnächst zu einem Naherholungsgebiet entwickeln will. Ein 80 Tonnen schweres Teil wird gerade per Kran auf einen Spezialtieflader gehoben. Innerhalb von vier Monaten sollen die Hochöfen abgebaut sein.

Zu Hoch-Zeiten arbeiteten in dem vor der Übernahme durch Krupp von Hoesch betriebenen Stahlwerk über 30 000 Mitarbeiter. Vor der Schließung Ende März 2001 waren es noch 1 500, und heute stellt der Konzern den Chinesen gerade noch 50 Berater. Für die Verständigung sorgen rund 20 Dolmetscher.

Das eigentliche Puzzlespiel beginnt dann nach der Ankunft im Yangtse-Delta, wo Schagang über einen eigenen Hochseehafen verfügt: Vier Container mit 40 Tonnen Konstruktionszeichnungen wurden vorab verschifft. Dort können die Chinesen in wenigen Wochen auch nachschlagen, wo sie Nummer GF040259 einbauen müssen.

Quelle: Handelsblatt

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