Hochtief und Bilfinger Berger trotzen der Baukrise
Weniger Deutschland tut Bauwerten gut

Die deutschen Baukonzerne richten ihre Strategie immer mehr auf das Ausland aus. Geld wollen Hochtief und Bilfinger Berger künftig nach Vorbild der französischen Vinci vorwiegend mit Dienstleistungen verdienen.

DÜSSELDORF. Mit einem Plus von 55 % gehört die Aktie des Mannheimer Baukonzerns Bilfinger Berger 2003 zu den großen Gewinnern am deutschen Aktienmarkt. Und auch der zweite deutsche Bauriese Hochtief hat den Anlegern mit einem Plus von mehr als 20 % seit Jahresbeginn viel Freude gemacht. Honoriert werden an der Börse die Bemühungen der Unternehmen, sich strategisch vom Heimatmarkt zu lösen, der in diesem Jahr voraussichtlich zum neunten Mal in Folge schrumpfen wird. Bei Hochtief werden mittlerweile nur noch 16 % der Bauleistung in Deutschland erbracht, Bilfinger hat diesen Anteil 2002 auf 31 % gesenkt und plant für 2003 einen weiteren Rückgang auf 25 %.

Während in Deutschland der Bau - allen politischen Hilfsprogrammen zum Trotz - nicht aus der Krise kommt, sieht die Lage außerhalb der Heimat wesentlich besser aus. Als aussichtsreiche Märkte gelten unter Branchenexperten vor allem Mittel- und Osteuropa, Australien und -- trotz der konjunkturellen Schwäche - die Vereinigten Staaten. Neben der Konzentration auf das Ausland spielt in der Strategie der Baukonzerne das Dienstleistungsgeschäft eine immer größere Rolle. So betonte Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel auf der Bilanzpressekonferenz im April, dass die Bereiche Projektentwicklung, Facility Management und Flughafen-Management bis 2007 rund 50 % des Konzerngeschäfts ausmachen sollen. Bislang liegt der Dienstleistungsanteil bei knapp 30 %.

Bilfinger Berger ist nach Ansicht von Karin Brinkmann, Aktien-Analystin bei der Hypo-Vereinsbank, hier schon einen Schritt weiter: "Durch die Zukäufe von Rheinhold & Mahla und HSG hat sich Bilfinger in diesem Bereich deutlich verstärkt und dürfte schon bald von der neuen Struktur profitieren." Von der Aktie erwartet sie eine überdurchschnittliche Kursentwicklung ("Outperformer").

Als Vorbild für die deutschen Baufirmen könnte der weltgrößte Baukonzern Vinci dienen. Die Franzosen setzen seit Jahren auf den Dienstleistungssektor, vor allem auf das Geschäft mit Konzessionen für Autobahnen. "Operativ können die Deutschen von Vinci noch eine Menge lernen", sagt Erhard Schmitt, Analyst bei Helaba Trust. Dank der konstanten Konzessionserträge habe Vinci das stabilste Geschäftsmodell. Derzeit rät Schmitt allerdings zum Untergewichten der Aktie, weil der französische Markt, der für das Unternehmen von zentraler Bedeutung ist, zuletzt deutliche Schwächen zeigte. Auch die Umsatzzahlen für das erste Quartal haben nicht überzeugt.

Auch für die deutschen Werte ist Schmitt nach den deutlichen Kursgewinnen vorsichtig gestimmt. Bilfinger Berger bewertet der Analyst zurzeit mit "neutral". Er wartet vor allem auf Aussagen des Unternehmens, was mit dem Erlös aus dem Verkauf des Heizungsbauers Buderus (550 Mill. Euro) geschehen soll.

Dagegen lautet sein Urteil für Hochtief "untergewichten". Schmitt sieht für die Aktie "Enttäuschungspotenzial". So sieht er den Bereich Flughafen-Management weniger positiv als Hochtief selbst: "Hochtief steht auf dem Standpunkt, dass die Krise der Fluggesellschaften an den Flughafenbetreibern vorbeigehen wird, diesen Optimismus teile ich aber nicht", sagt er. Ohnehin ist das Engagement in diesem Segment unter Experten umstritten, weil das Hochtief-Portfolio zu gering ist, um mit großen Flughafen-Betreibergesellschaften wie BAA (u.a. London Heathrow) mitzuhalten. Um in deren Liga aufzusteigen, fehlt Hochtief wiederum das Geld. Weitere Risiken bergen laut Schmitt das Immobilien-Geschäft und der Bereich Nordamerika, wenn es hier tatsächlich zur Rezession kommen sollte.

Karin Brinkmann sieht Hochtief positiver und bewertet die Aktie mit "Outperformer". "Hochtief wird in diesem Jahr in Deutschland und Europa in die Gewinnzone zurückkehren. Das lässt auch für die Aktie hoffen", begründet sie ihr Urteil. Allerdings rechnet sie nach den deutlichen Kursgewinnen im ersten Quartal weder bei Hochtief noch bei Bilfinger Berger kurzfristig mit deutlichen Steigerungen: "Ich sehe das Potenzial eher mittel- bis langfristig", sagt sie.

Eile scheint bei den Bauwerten also derzeit nicht geboten. Sowohl die deutschen Bauwerte als auch die Vinci-Aktie eignen sich weniger für Trader als für langfristig orientierte Investoren. Für Privatanleger mit Vorliebe für Dividendentitel könnte auch ein Blick ins Nachbarland Holland lohnen: Die Aktie der Nummer vier des dortigen Baumarktes, Heijmans, zahlt auf dem gegenwärtigen Kursniveau knapp neun Prozent Dividendenrendite. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 4,5 ist das Unternehmen, das hier zu Lande durch die gescheiterte Übernahme des Inlandsgeschäftes von Holzmann bekannt wurde, sehr günstig bewertet.

Quelle: Handelsblatt

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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