Hochwasser
Kommentar: Deichgräfe des 21. Jahrhunderts

DÜSSELDORF. Hauke Hein, der Deichgraf aus dem Friesischen, sah die Flut kommen, aber wollte sein Dorf nicht retten. Wie einst der Schimmelreiter mit dem wehenden Mantel galoppiert zurzeit die Politprominenz über die aufgeweichten Deiche der Elbe. Der Kanzler wird in grüner Regenjacke bei Grimma gesichtet, der Verteidigungsminister in Gummistiefeln bei Dresden, und der Kanzlerkandidat der Union kreist trockenen Fußes im Hubschrauber oben drüber. Die sächsische Landeshauptstadt können sie zwar alle nicht mehr retten.

Aber darum geht es ihnen nicht. Sie nutzen die Bilder von der Jahrhundertflut, um sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Als Deichgräfe des 21. Jahrhunderts erscheinen sie schemenhaft den in ihrer Existenz bedrohten Bewohnern der Katastrophengebiete: Bevor die Verzweifelten nur einen Zipfel der Promis im Anorak zu fassen bekommen, sind die wieder fort.

Natürlich muss sich der Kanzler blicken lassen, wenn ganze Landstriche in der großen Flut versinken, Menschen um ihr Leben fürchten, ihre Habe verlieren und innerhalb von Stunden ihre Aufbauarbeit von zwölf Jahren vernichtet sehen. Nur: Bei Gerhard Schröder verkommt diese Geste der Anteilnahme allzu schnell zur Pose. Wer überall, wo Kameras eingeschaltet sind, mit immergleicher Professionalität dabei ist, von dem weiß niemand, was ihn wirklich bewegt. Und der Rest der Katastrophentouristen von Regierung und Opposition kann zu Hause bleiben. Sie nutzen den Betroffenen nichts, sondern behindern die Helfer. Die müssen ganze Städte evakuieren. Da können sie nicht alle naselang für die Sicherheit von Würdenträgern in dunklen Limousinen sorgen.

Anzupacken bleibt zu Hause genug. Die Aufgabe der Politik beginnt erst, wenn die große Flut abgelaufen ist und die Schäden sichtbar werden. Wer soll das bezahlen? Die Antworten darauf fallen spärlich aus. Schröders Gedankenblitz, wegen der nationalen Katastrophe den europäischen Stabilitätspakt kurzerhand außer Kraft zu setzen, ist keine gute Idee. Damit würde die Bundesregierung eingestehen, dass ihr, außer Schulden zu machen, nichts einfällt. Und der Ruf nach der Europäischen Union als Geldgeber muss all denen in den Ohren klingen, die eben noch die Rede vom "deutschen Weg" vernommen haben. Andere fürs eigene Unglück zahlen zu lassen ist zwar billig, aber noch lange nicht recht.

Die Wahrheit wäre uns lieber. Sie heißt: Wer trocken geblieben ist, wird um ein Solidaritätsopfer nicht umhinkommen. Es kann in höheren Abgaben bestehen, sofern sie denn befristet und zweckgebunden sind. Es kann aber auch den Verzicht auf teure Prestigeobjekte bedeuten. Den Bundeszuschuss für den Transrapid in den Wiederaufbau der Infrastruktur entlang der Elbe zu stecken wäre zum Beispiel eine bessere Idee.

Anstatt sich wie die Deichgräfe zu gebärden, muss die Politik also das große Aufräumen organisieren. Sie muss dafür sorgen, dass die Welle der Hilfsbereitschaft unter den Deutschen nicht umschlägt und die noch einmal Davongekommenen im Westen anfangen, über die Last mit denen im Osten zu klagen. Und sie muss darüber wachen, dass jenes Geld, das jetzt gesammelt wird, in die richtigen Hände gerät. Ansonsten geht es den Politikern schnell wie jenem Reiter auf dem Schimmel: Man erzählt sich von ihm, und es beginnt einem zu gruseln.

Quelle: Handelsblatt

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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