Höchste Zeit für Schulfach Ökonomie
Die meisten Aktionäre halten bisher zähneknirschend durch

In der Börsenkrise ist die Zahl der Aktien- und Aktienfondssparer mittlerweile um ein Sechstel auf 11, 6 Mill. geschrumpft. Das ist durchaus ein Fundament für einen neuen Anlauf zur Aktienkultur. Aber außer der Politik und der Wirtschaft müssen sich auch die Anleger selbst um den Rückgewinn von Vertrauen bemühen.

HB FRANKFURT. Die Privatanleger haben in den letzten zweieinhalb Jahren trotz der teils rapiden, teils schleichenden Kursverluste bemerkenswertes Stehvermögen gezeigt. Die Baisse durch das Platzen der Spekulationsblase am Neuen Markt, die Anschläge am 11. September 2001 sowie die gehäuften Bilanzskandale haben nur zu einem relativ moderaten Rückgang der Aktionärszahlen geführt. Im ersten Halbjahr 2001 besaßen noch 13,4 Mill. Anleger in Deutschland Aktien oder Anteile an Aktienfonds, im ersten Halbjahr 2002 waren es immer noch 11,6 Mill.

Am stärksten geschrumpft ist die Gruppe der direkten Aktionäre. Während sich die Zahl der Aktienbesitzer im ersten Halbjahr 2002 im Vergleich zum Gesamtjahr 2001 um 1,015 Mill. auf 4,679 Mill. verringerte, sank die Zahl der Fondsbesitzer nur um 863000. Die Rückgänge schwächten sich im Halbjahresvergleich auch ab. So ging die Zahl der direkten und indirekten Aktionäre vom ersten zum zweiten Halbjahr 2001 um 1,231 Mill. zurück und sank in den folgenden sechs Monaten nur noch um 637000.

Der Rückgang der Zahl der direkten oder indirekten Aktionäre um 14 Prozent relativiert sich zudem in der mittelfristigen Betrachtung. 1992 betrug die Zahl der Aktionäre und Besitzer von Fondsanteilen erst 5,6 Mill. Ein Jahrzehnt später liegt die Zahl der Aktienbesitzer auch nach den jüngsten Kursrückschlägen noch doppelt so hoch.

Der Anstieg der Aktionärszahlen war hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass immer mehr Anleger neben Aktien auch Aktienfondsanteile in ihr Depot aufnahmen. Ihre Zahl stieg von 627000 im Jahr 1997 auf 2,75 Mill. im Jahr 2000, um dann auf 2,0 Mill. im ersten Halbjahr 2002 zu sinken. Das entspricht einem Anstieg von 0,9 % der Bevölkerung in 1997 auf 4,3 % im Jahr 2000 und einem anschließenden Sinken auf 3,2 % im letzten Halbjahr. Die Zahl der Anleger, die nur Aktien halten, blieb hingegen relativ konstant. Der höchste Wert wurde 1998 mit 5,7 % erreicht. Er ist im letzten Halbjahr auf 4,1 % gesunken.

Die in den letzten Jahren stark gestiegene Aktienakzeptanz in Deutschland ist also vor allem eine Fondsakzeptanz. Dies mag nach der großen Aufmerksamkeit überraschen, die vor allem der Neue Markt gefunden hat. Im Grunde ist das aber eine erfreuliche Entwicklung. Sie dokumentiert das Bewusstsein, dass eine breite Streuung über einen Fonds der riskanten Anlage in wenigen Titeln vorzuziehen ist.

Gleichwohl blieben auch die Fondsanleger von den Kursrückgängen nicht verschont. Aus vielen Gesprächen weiß das Deutsche Aktieninstitut, dass auch in der Fondsanlage immer wieder schwere Fehler gemacht wurden und werden. Der Hauptfehler ist, alle Fonds als gleich sicher anzusehen. Das führt etwa dazu, dass unerfahrene Anleger mit weniger als 5000 Euro Geldvermögen-so wenig Geld sollte überhaupt nicht in Aktien gesteckt werden- ihre Ersparnis gänzlich in sehr engen Branchenfonds investieren, vorzugsweise aus dem Technologiebereich. Auch Kleinstdepots gibt es, die zu über 80% aus Osteuropa-Fonds bestehen.

Neben den erheblichen Vermögensverlusten nach dem Platzen der Spekulationsblase, die Aktionäre wie Fondsbesitzer gleichermaßen traf, sind auch die Bilanzskandale derzeit ein großes Hemmnis für eine Zunahme der Aktienakzeptanz. Viele Anleger nehmen die Jahresabschlüsse und Quartalsberichte nur oberflächlich zur Kenntnis. Sie vertrauten bisher darauf, dass die Rechnungslegung grundsätzlich "stimmt", und sie vertrauten ebenso darauf, dass Spezialisten-wie Analysten oder Finanzjournalisten- die Angaben gut auswerten und für die nötige Transparenz sorgen.

Um das geschwundene Vertrauen jetzt zurückzugewinnen, müssen von allen Seiten - von Politik, Wirtschaft, Einzelunternehmen und auch von den einzelnen Anlegern - entschiedene Anstrengungen unternommen werden. Wer als Anleger riskante Engagements eingeht, ohne sich mit dem Unternehmen oder der Branche auseinanderzusetzen, darf hinterher keinen Dritten für schlechte Anlageresultate verantwortlich machen.

Dabei ist das Problem für den Privatanleger heute nicht mehr die Verfügbarkeit oder Aktualität von Informationen. Geschäftsberichte, Quartalsberichte und Ad-hoc-Meldungen sind über das Internet jederzeit abrufbar. Das Problem ist die schier unübersehbar gewordene Informationsfülle. Eine Zeit lang glaubten viele, das Internet würde ihre Probleme lösen. Informationsbeschaffung ist aber noch lange nicht Informationsverarbeitung. So haben viele erfahren, dass die Informationsqualität im Internet zu wünschen übrig lässt.

Wirklich hilfreich wäre es für den privaten Anleger, könnte er die zur Verfügung stehenden Informationen selbst auswerten. Dies setzt jedoch ein Maß an ökonomischer Bildung voraus, das in unserer Bevölkerung einfach nicht vorhanden ist. Abhilfe schaffen kann letztlich nur das vom Deutschen Aktieninstitut seit langem geforderte Schulfach Ökonomie an allen allgemeinbildenden Schulen.

Rüdiger von Rosen ist Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen Aktieninstituts (DAI) in Frankfurt.

Quelle: Handelsblatt

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