Höhere Kosten und kaum sinkende Kassenbeiträge
Gesundheitsreform kommt Versicherte teuer

Beim Apollo-Optiker in der Schönhauser Allee herrscht seit Wochen Hochbetrieb. In dem Ladengeschäft im toten Winkel des Einkaufscenters im Osten Berlins verläuft sich in normalen Zeiten kaum ein Kunde. Doch seit feststeht, dass die Krankenkassen im nächsten Jahr keinen Zuschuss mehr für Brillen und Sehhilfen zahlen, brummt der Laden. Und so sieht es seit Oktober überall in der Republik aus.

HB BERLIN. Apollo-Optik und seinem Hauptkonkurrenten, der Optikerkette Fielmann, hat die Gesundheitsreform damit ein Rekordjahr beschert. Auch das Zahntechnikerhandwerk boomt, weil viele Bürger nicht verstanden haben, dass sie sich erst 2005 und nicht schon im nächsten Jahr für den Zahnersatz eine eigene Versicherung kaufen müssen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen meldeten vollere Arztpraxen als sonst in der Weihnachtszeit. Grund sind die Praxisgebühr und die höheren Zuzahlungen für Medikamente, die die Versicherten ab nächstem Jahr berappen müssen. "Schnell noch mal zum Doktor, bevor die Gesundheitsreform kommt," hieß die Devise bei Augenärzten, Hausärzten, Internisten und Gynäkologen.

Auch hier spielten Missverständnisse eine Rolle. So haben viele Versicherte nicht begriffen, dass bei Vorsorgeuntersuchungen auch in Zukunft keine Praxisgebühr fällig wird. "Dem Boom wird im nächsten Jahr unter Garantie eine gewaltige Umsatzdelle folgen," prognostiziert Horst Seehofer (CSU). Das hat der ehemalige Gesundheitsminister der christlich-liberalen Koalition auch bei seiner eigenen Reform Anfang der 90er Jahre erlebt. Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) kann das nur Recht sein. Denn damit wachsen die Chancen, dass die von ihr prognostizierten Einsparungen von rund 10 Mrd. Euro im nächsten Jahr tatsächlich eintreten werden.

Schmidt und Seehofer schienen einen Sommer lang gute Aussichten zu haben, zum Politikertraumpaar des Jahres gekürt zu werden. Fast augenzwinkernd verständigten sich die beiden in einem Verhandlungsmarathon im ansonsten nachrichtenarmen Sommerloch dieses Jahres über das fast 24 Mrd. Euro schwere Reformpaket. Es soll bis 2007 den durchschnittlichen Kassenbeitrag auf 12,15 % herunterdrücken. Bis heute lässt Seehofer nichts auf den Deal mit der Regierung kommen.

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