Höhere Preise
Kommentar: Euro, Teuro, Kachelmann

Der Euro ist ein Preistreiber, meint die Regierung. Doch damit liegt sie falsch.

Der Kanzler und sein getreuer Eichel sind auf der Suche nach populären Wahlkampfthemen, die ihnen endlich die Lufthoheit über den Stammtischen verschaffen sollen. Sie suchten und wurden fündig: erst beim Fußball und der durchnormalisierten deutschen Nation, die Gerhard Schröder in seinem intellektuellen Flachpassspiel mit Martin Walser umdribbelte. Und nun beim echt bildzeitungsmäßigen Supersommerthema "Der Euro ist doch ein Teuro". Ob in den Abendnachrichten oder im Morgenmagazin: Der Kanzler und sein Finanzminister ziehen gegen den Einzelhandel zu Felde, der ihrer Meinung nach im Zuge der Euro-Umstellung hinterhältig die Preise nach oben treibt.

Schröder möchte sich einer Stimmung bemächtigen, die im (Wahl-)Volke weit verbreitet ist. Man könnte vom Jörg-Kachelmann-Effekt sprechen. Der Wetterfrosch machte den Unterschied zwischen realen und "gefühlten" Temperaturen in Deutschland zum Thema. Der Wahlkämpfer setzt auf die "gefühlte" Teuerung: Die Verbraucher sind der festen Meinung, dass die Preise stärker gestiegen sind, als wir aus der Statistik ablesen können.

Manch ein Hobbyexperte schließt aus dieser Diskrepanz messerscharf, dass wir das Opfer einer finsteren statistisch-ökonomischen Weltverschwörung geworden sind. Diese Ressentiments bedienen nun Schröder und Eichel. Dabei lässt sich die "gefühlte Inflation" ganz rational erklären - mit Hilfe der ökonomischen Wissenschaft.

Zuerst die Fakten: Die Inflation ist im April auf ein Zweijahrestief gefallen. Hinter der allgemeinen Teuerungsrate aber steckt eine Vielzahl gegenläufiger Entwicklungen seit der Euro-Umstellung vor fünf Monaten: Manche Preise sind gefallen, einige stark gestiegen. Im letzten Monat gehörten zu den Preistreibern etwa Benzin, Zigaretten und alkoholische Getränke.

Die Verbraucher nehmen Preisveränderungen am stärksten bei Gütern wahr, die leicht vergleichbar sind: also bei homogenen Gütern, die überall in annähernd gleicher Qualität angeboten und häufig nachgefragt werden. Das beste Beispiel dafür ist Benzin: Jeder Autofahrer kann beim Vorüberfahren an der Tankstelle leicht feststellen, ob sich die Preise erhöht haben. Deshalb ist die Erregung über Benzinpreiserhöhungen stets besonders hoch: Der Kachelmann-Effekt schlägt zu, und die "gefühlte Inflation" steigt. Das Gleiche gilt für Bierpreise in der Kneipe oder die gewohnte Schachtel Zigaretten.

Die Transparenz verschiedener Preisgruppen ist in einer Marktwirtschaft höchst unterschiedlich. Bei den meisten Preisen können die allermeisten Verbraucher nicht sagen, wie sie sich verändert haben. Je geringer die Preistransparenz, desto höher ist kurzfristig gesehen der Spielraum eines Anbieters für Preiserhöhungen. In der Phase nach der Euro-Einführung lieferten einige Gaststätten und Dienstleistungsbetriebe die Probe aufs Exempel für diese ökonomische Theorie.

Anlass zur Sorge besteht aber nicht: Einige Einzelhändler haben die Preiselastizität der Verbrauchernachfrage offenbar überschätzt. Die Folge spüren sie bereits in ihren Kassen: Die Verbraucher konsumieren seit der Euro-Einführung weniger und werden so mittelfristig die Preise weiter nach unten treiben. Den Staat, die Regierung oder die Herren Schröder und Eichel braucht niemand, um den "Teuro" zu verhindern. Dafür sorgt schon einzig und allein die unsichtbare Hand des Marktes.

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