Höhn kritisiert Vertrauen in Wirtschaft
Bund will wegen Nitrofen-Affäre mehr Kontrollbefugnisse

Agrar-Staatssekretär Matthias Berninger (Grüne) hat nach der Ausweitung der Nitrofen-Affäre stärkere Kontrollbefugnisse auf Bundesebene gefordert.

Reuters BERLIN. Die Bundesregierung solle stärkere Kompetenzen bei Verbraucherschutz und Krisenmanagement erhalten, sagte Berninger Donnerstag im Deutschlandfunk. Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) kritisierte zudem, es gebe einen gesellschaftlichen Druck, Lebensmittelkontrollen abzubauen. Am Mittwoch war bekannt geworden, dass das Krebs erregende Pflanzengift Nitrofen erstmals auch in konventionelles Futter gelangt war. Daraufhin wurden in Mecklenburg-Vorpommern rund 500 Höfe gesperrt. Darunter befindet sich auch der größte Schweinemastbetrieb des Bundeslandes, der eigenen Angaben zufolge rund 65 000 Tiere besitzt.

In einer von zehn amtlichen Weizen-Proben in dem konventionellen Futterwerk Fugema in Mecklenburg-Vorpommern hatten Behörden zuvor erhöhte Werte des Krebs erregenden Pflanzengifts Nitrofen gemessen. Das belastete Getreide stammt ebenfalls aus der Lagerhalle in Malchin, die bislang als einzige Quelle Nitrofen-verseuchten Futters ausgemacht wurde. Das Getreide wurde insgesamt 50 000 Tonnen konventionellen Futters beigemischt. Neben Mecklenburg-Vorpommern wurden auch in Brandenburg acht Betriebe gesperrt.

Unklarheit über Lieferungen an weitere Bundesländer

Ob verdächtiges Futtermittel von der Firma Fugema in weitere Bundesländer geliefert wurde, blieb zunächst unklar. Berninger sagte, man habe die Lieferliste der Firma am Donnerstagmorgen noch nicht einsehen können. Dies werde im Tagesverlauf geklärt. Berninger betonte, auch die neuen Funde bestätigten, dass die Lagerhalle in Malchin die einzige Quelle Nitrofen belasteten Futters sei. Er fürchte daher nicht, dass die Europäischen Kommission in Brüssel Sanktionen gegen deutsche Agrarprodukte erneut zum Thema machen werde. Der zuständige EU-Lebensmittelausschuss in Brüssel hatte sich vor wenigen Tagen gegen Sanktionen ausgesprochen, will jedoch am Freitag erneut über den Stand in der Nitrofen-Affäre beraten.

NRW-Umweltministerin Höhn kritisierte die rückläufigen Kontrollen im Lebensmittelbereich. "Der gesellschaftliche Druck, Kontrollen abzubauen und der Wirtschaft zu vertrauen, der ist überall da", sagte Höhn im ZDF. Dies wirke sich auch auf den Umfang der Lebensmittelkontrollen aus. "Da können wir uns nicht vertun." Angesichts des geplanten Ausbaus der Öko-Landwirtschaft müssten die Kontrollen jedoch verstärkt werden.

Höfe in Mecklenburg-Vorpommern verunsichert

Von der Sperre betroffen ist auch der größte Schweinemast- und Zuchtbetrieb Mecklenburg-Vorpommerns in Losten bei Wismar. "Wir sind erschüttert und verunsichert", sagte die Prokuristin des Betriebes "Tierzucht Gut Losten", Christina Kanzenbach, weiter zu Reuters. Dem Betrieb sei nun vorerst der Handel mit seinen insgesamt 65 000 Schweinen verboten. Dies bedeute einen wöchentlichen Einnahmeverlust zwischen 50 000 und 70 000 ?. Scharfe Kritik übte die Prokuristin an dem Malchiner Futtermittelwerk Fugema. Der Betrieb habe noch vor wenigen Tagen schriftlich versichert, nichts mit dem Getreide des Lagers in Malchin zu tun zu haben.

Mecklenburgs-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) hatte zuvor die Nitrofen-Funde in konventionellem Futtergetreide als "schlimme Zäsur" und schweren Schlag für die Landwirtschaft in seinem Land bezeichnet. "Das ist ein immenser Schaden, das kann ich noch gar nicht beziffern."

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