Hoffen auf Allfinanzaufsicht
Bankaufseher fühlen sich überfordert

Die Bankenaufsicht steht vor einem wachsenden Berg von Herausforderungen: Geldwäsche, neue Eigenkapitalregeln für die Branche, faule Kredite in den Portfolien der Banken. Längst arbeiten die Aufseher am äußersten Rand ihrer Kapazität und hoffen auf die Allfinanzaufsicht. Doch schnelle Lösungen sind nicht in Sicht.

FRANKFURT/BERLIN. Meist stehen Krisenmanager im Rampenlicht. Doch Jochen Sanio, Chefaufseher der deutschen Banken, spielt Feuerwehrmann, ohne dass die Öffentlichkeit ihn zu Gesicht bekommt. Er und seine Helfer sind als hoheitliche Enthüller von Unregelmäßigkeiten und Schadensbegrenzer bei Bankenkrisen zu diskreten Einsätzen verpflichtet.

Entscheidung des Bundesrates am 22.3.

Doch hinter den Kulissen brennt die Luft. Fast täglich stoßen die Aufseher auf neue böse Überraschungen, "dennoch arbeiten wir bereits heute 80 Prozent über unseren Kapazitäten", sagt ein Mitarbeiter. "Wir hoffen auf die geplante Allfinanzaufsicht - das ist unser rettendes Ufer." In der neuen Behörde sollen die Aufsichtsämter für Versicherungen, Kreditwesen und Wertpapierhandel verschmolzen werden. Ausschlaggebend hierfür wird die Entscheidung des Bundesrates am 22. März sein. Offenbar ist es aber gelungen, den Widerstand der Länder zu brechen.

Zunehmend kommt auch Druck von anderer Seite. Wie Bundesfinanzminister Hans Eichel flattern dem Präsidenten des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen (BAKred), Jochen Sanio, in letzter Zeit die "blauen Briefe" ins Haus: Die Analysten der Ratingagentur Moody?s haben angesichts der "geringen Profitabilität" deutscher Banken die Herabstufung ihrer Bonität in Aussicht gestellt, wenn die Märkte weiterhin sehr volatil sind.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) gab im Oktober zu Protokoll: "Die steigende Zahl von Insolvenzen von Unternehmen und Privatpersonen sowie das rückläufige zinsunabhängige Einkommen aus der gedämpften Kapitalmarktaktivität werde den Erwartungen zufolge die Kreditqualität verringern und die Rentabilität der Banken etwas absenken." Bereits heute haben die Bankenaufseher alle Hände voll zu tun: Das Engagement der Banken bei der Kirch-Gruppe ist zu prüfen, die neuen Eigenkapitalregeln für Banken (Basel II) sind mitzuentwickeln, das Thema Geldwäsche hat nach dem 11. September noch an Bedeutung gewonnen.

Liste der gefährdeten Banken ist lang

Hinzu kommt: Die Liste der gefährdeten Banken ist lang. Jüngste Beispiele sind die Nürnberger Schmidt-Bank, die durch Gründung einer Auffanggesellschaft vor dem Konkurs gerettet werden musste, die Gontard & Metallbank, die nach Problemen im Kreditgeschäft die gesetzliche Kernkapitalquote nicht mehr erfüllt und die Vergabe neuer Kredit deutlich einschränken muss, sowie die Kölner Privatbank Delbrück & Co., die unter neu entdeckten hohen Risiken im Kreditgeschäft leidet und die stillen Reserven nahezu aufgezehrt hat. Die Ausstattung der Bankenaufsicht kann kaum mithalten:

Geldwäsche: nur 10 Mitarbeiter beaufsichtigen über 2 800 Kreditinstitute und 900 Finanzdienstleister;

internationale Aufsicht: das BAKred vertritt Deutschland in über 50 internationalen Arbeitsgruppen, darunter fallen wichtige Bereiche wie Basel II und EU-Finanzthemen;

Fondsaufsicht: jedes Jahr erreicht die Zahl neu angezeigter ausländischer Fonds einen neuen Rekord (1999: 784 Fonds, 2000: 1 107), doch die Zahl der Mitarbeiter sinkt kontinuierlich.

Ein eindrucksvoller Vergleich: Während nur 3,5 Mitarbeiter des BAKred die Deutsche Bank beaufsichtigen, hat die US-Aufsichtsbehörde 27 Mitarbeiter auf das größte Institut, die Citigroup, angesetzt.

Hinzu kommt, dass das BAKred hervorragend qualifizierte Mitarbeiter braucht. Doch solche haben kaum Anreize, sich beim Amt zu bewerben. Denn die Vergütung nach Beamtenrecht ist unattraktiv, zudem werden derzeit nur befristete Stellen bis 31.12.2002 ausgeschrieben. Die Prinzipien für eine effektive Aufsicht, die der Baseler Ausschuss der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) 1997 aufstellte, sind für das BAKred nur ein Traum. Sie definieren als "angemessene Ressourcen": Gehaltsstrukturen, die qualifizierte Mitarbeiter anziehen und halten, die Möglichkeit externe Experten zu engagieren, Weiterbildungsprogramme und ein hohes Reisebudget für Prüfungen vor Ort.

Allerdings meldet sich BAKred-Chef Sanio nur selten laut zu Wort. "Sanio ist absolut loyal den politisch Verantwortlichen gegenüber, deshalb muss er seinen Gegenspielern bei der Bundesbank in aufsichtspolitischen Fragen das Rampenlicht überlassen," sagt der Vorstand einer Großbank. "Im Ringen um die angemessene personelle und finanzielle Ausstattung einer Bankenaufsicht, die auch den neuen Anforderungen unter Basel II gerecht werden muss, hat der BaKred-Chef einen schweren Stand. Wenn es nicht gelingt, die von Eichel angestrebte neue integrierte Finanzaufsicht funktionsfähig zu machen, werden Deutschlands Banken diesen Standortnachteil teuer bezahlen", befürchtet der Vorstand.

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