Hoffen auf späte Gerechtigkeit
Deutsche Banken klagen in Moskau

Der Fall könnte Finanzgeschichte schreiben. Sieben deutsche Banken klagen am 12.3 in Moskau gegen die bankrotte Inkombank und Amidis. Der Vorwurf: Beide Firmen hätten deutsche Gläubiger beim Streit um die Konkursmasse über den Tisch gezogen. Vor Gericht steht auch die unseriöse Praxis russischer Finanzjongleure.

BERLIN/MOSKAU. Es war am 17. August des Jahres 1998. Die russische Währung verlor über Nacht ein Drittel ihres Außenwertes und zahlreiche Banken standen vor der Pleite. Zu den großen Verlierern zählten neben den Sparern jene ausländischen Kreditinstitute, die den russischen Banken Geld geliehen hatten. Sie hatten zumeist doppelt Pech: Einmal, weil sie von ihren Forderungen häufig kaum mehr als 10 % des Nominalwertes zurück erhielten. Und zum anderen, weil sie von cleveren Bankern dabei getäuscht und ausgetrickst wurden.

Denn statt aus ihrem noch vorhandenen Vermögen Ansprüche der Gläubiger zu befriedigen, übertrugen die Pleitebanken in einer ganzen Reihe von Fällen die noch vorhandenen Aktiva auf andere Konzernstrukturen - oder sie schoben diese nach Absprache gezielt bestimmten Interessenten zu. Nicht selten blieben die in Konkurs gegangenen Unternehmen dann nur noch als leere juristische Hülle zurück, von der nichts mehr zu holen war.

Die deutschen Großbanken, durchweg namhafte Adressen, hatten sich zumeist grollend in ihr Schicksal gefügt - und im Angesicht zukünftiger Geschäfte in Russland auf harte öffentliche Auseinandersetzungen verzichtet. Doch im Fall des Verkaufs der Aktien des russischen Süßwarenherstellers OAO Babajewski regte sich Widerstand. Der Inkombank, in den 90-er Jahren eine der russischen Vorzeigebanken, gehörten 51 % von Babajewski. Ihr Verkauf versprach dem Konkursverwalter reichlich Geld - und den Gläubigern Aussicht auf Rückzahlung. Zudem: Da ein großer Teil der deutschen Kredite an die Inkombank Hermes gedeckt sind, geht es hier auch um die Frage, in welcher Höhe der deutsche Steuerzahler für die Ausfälle aufkommen muss.

Insgesamt machen die deutschen Banken gegenüber der Inkombank Forderungen in Höhe von knapp 110 Mill. Euro geltend. Ungefähr 53 Mill. Euro sind durch Hermes-Bürgschaften abgesichert. "Das geht direkt zu Lasten des Steuerzahlers", sagt Hans Janus, Vorstandsmitglied der Hamburger Hermes Kreditversicherungs-AG. Haben die Banken das Nachsehen, muss die staatliche Hermes die gedeckten Kredite ausgleichen - aus dem Etat.

Doch statt in einem transparenten Verfahren ordnungsgemäß versteigert, wurden Mitte Januar die Aktien des Moskauer Süßwarenherstellers OAO Babajewskij buchstäblich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion überraschend an die Firma Amidis, eine Tochterfirma von Babajewskij, verkauft. Geboten hatte Amidis nur knapp mehr als den Schätzwert des Unternehmens von etwa 24 Mill. $. Die Kritik der deutschen Gläubiger erfolgte prompt: Bei dem Verfahren seien andere Bieter, die deutlich höhere Summen bezahlt hätten, gar nicht erst zur Teilnahme an der Versteigerung zugelassen worden waren. Im Ergebnis sei der Konkursmasse weniger zugeflossen als möglich gewesen wäre.

Geldinstitute klagen gegen russische Firmen wegen Betrugs

Babajewskij war im Jahr 2000 mit einem Anteil von 10 % der drittgrößte Anbieter auf dem russischen Schokoladenmarkt. Vor allem wegen dieser Marktposition gilt die Firma als attraktives Investitionsobjekt. Ein Gutachten, das von einem der Stadt Moskau nahe stehenden Unternehmen erstellt wurde, bewertete Babajewskij mit 24 Mill. $. Einer Summe, die nach Auffassung von Experten ganz massiv unter dem tatsächlichen Marktwert liegt. Stieß schon dieses Gutachten auf Kritik, war dies um so mehr bei den Umständen der Ausschreibung der Fall. Zwischen dem 24.12. 2001 und dem 8.1.2002 konnten die Interessenten ein Angebot abgeben. Doch mit der Wahl dieses Zeitraumes wurden die ausländischen Investoren praktisch ausgebootet. "Kein seriöser ausländischer Unternehmer ruft um die Weihnachtszeit eine Vorstandssitzung ein und trifft eine solche Entscheidung", heißt es aus der Kanzlei Haarmann, Hemmelrath & Partner, welche die Banken vertritt. Die Öffnung der Umschläge mit den Geboten fand zudem an einem Ort statt, dessen Adresse in Moskau nicht auffindbar ist.

Im Rennen um die Süßwarenfabrik blieben schließlich nur noch zwei russische Firmen, beide mehrheitlich im Besitz von Babajewski, dem zu versteigernden Unternehmen selbst. Nachdem die eigentliche Versteigerung durch Gerichtsbeschluss verboten worden war, reichten diese Unternehmen noch am selben Tag neue Kaufangebote ein, von denen das Angebot über 24 Mill. $ von Amidis angenommen wurde. Die nahezu unbekannte Firma Amidis war erst Monate zuvor mit einem Satzungskapital von rund 1 700 $ gegründet worden. Nach der Transaktion der Kaufsumme und der Übertragung der Aktien dürften sich die Aktien von Babajewski nun in der Hand des Geldgebers befinden, möglicherweise der Rosbank des Oligarchen Wladimir Potanin oder des Direktors von Babajewski selbst, Sergej Nosenko. Potanins Rosbank wickelt seit Oktober 2000 das Konkursverfahren der Inkombank ab und bestimmt so, an wen welche Vermögenswerte fallen, Nosenko steht der Stadt Moskau nahe.

Die Oneximbank, die ebenfalls zum Potanin-Imperium gehört, ereilte nach der Rubelkrise ein ähnliches Schicksal wie die Inkombank. Aber auch er "rettete" einen erheblichen Teil der Oneximbank-Aktiva zur neugegründeten Rosbank. Dort, bei der Rosbank, verwaltet nun auch der Konkursverwalter der Inkombank sein Treuhandkonto. Ein Einblick in die Führung des Treuhandkontos wurde den Gläubigern bislang verwehrt. Ein Brief von Horst Janus an den russischen Zentralbankchef Wiktor Geraschtschenko, in dem sich der Hermes-Vorstand über das Verfahren beschwert, blieb ohne nennenswerte Reaktion. "Was hier vorgeht, ist ein verdammt starkes Stück", heißt es aus dem Hause einer der Banken. Diesen ist es jetzt aber immerhin gelungen, die Babajewski-Aktien bis auf weiteres zu blockieren. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf der Klage am 12. März vor dem Moskauer Arbitragegericht.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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