Hoffnung auf das zweite Halbjahr ist verflogen
Chipindustrie kommt nicht aus der Krise

Der Aufschwung wird wieder vertagt: Für das laufende Jahr rechnen Analysten in der Halbleiterbranche nur mit einem geringen Wachstum. Die Firmen müssen sich weiter auf niedrige Umsätze einstellen.

MÜNCHEN. Die dunklen Wolken über der Halbleiterbranche haben sich noch nicht verzogen. Im Gegenteil: In den vergangenen Wochen sind neue Gewitter aufgezogen. Die Analysten werden immer skeptischer, ob der lange erhoffte Aufschwung noch dieses Jahr kommt. Die Deutsche Bank hat deshalb am Wochenende ihre Wachstumsprognose für die Halbleiterindustrie in den USA und Europa gesenkt. Statt bis zu sechs Prozent werde die Branche jetzt nur noch maximal vier Prozent zulegen, schätzen die Experten.

Das magere Plus ist enttäuschend für eine Industrie, die über Jahrzehnte an zweistellige Zuwachsraten gewöhnt war. Weil die Flaute zudem viel länger dauert als erwartet, rücken für zahlreiche Hersteller schwarze Zahlen in weite Ferne. Die Analysten von Goldman Sachs haben deshalb ihre Erwartungen für Infineon vergangene Woche drastisch zurück geschraubt: Statt eines Verlusts von 0,11 Euro je Aktie rechnen die Experten jetzt für das laufende Geschäftsjahr mit einem Minus von 0,53 Euro.

Einen Gewinn prognostizieren die Analysten für die frühere Siemens - Tochter erst im nächsten Geschäftsjahr. Doch auch für 2004 ist Goldman Sachs vorsichtiger geworden. Statt 1,21 Euro werde der Gewinn je Aktie nur bei 0,53 Euro liegen. Im Durchschnitt rechnen die Analysten der großen Banken sogar mit noch weniger Gewinn. Dass Infineon nächstes Jahr die Milliardenverluste der Jahre 2001 und 2002 ausgleichen kann, glaubt ohnehin niemand.

Das laufende Jahr hat für die weltgrößten Chiphersteller verhalten begonnen. Branchenführer Intel und die weltweite Nummer fünf, ST Microelectronics, mussten bereits in den vergangenen Wochen ihre Umsatzprognosen nach unten anpassen. Lediglich die weltweite Nummer zwei, der koreanische Samsung-Konzern, hat nach eigenen Angaben den Halbleiter-Umsatz leicht gesteigert.

Analysten gehen allerdings davon aus, dass die Firmen nun zumindest ihre gesenkten Prognosen einhalten werden. Morgen legen mit Philips, Intel und Texas Instruments drei der wichtigsten Halbleiter-Produzenten ihre Zahlen für das erste Quartal vor. Am Mittwoch folgen AMD, am Donnerstag der Halbleiter-Zulieferer ASML und am Freitag Samsung. Deutschlands Marktführer Infineon veröffentlicht sein Quartalsergebnis erst Ende des Monats.

Die Chipfirmen leiden unter einem starken Preisdruck. Weil weltweit zu viel produziert wird, ist vor allem die Herstellung von Speicherchips (Drams), seit nunmehr zwei Jahren ein Zuschussgeschäft. Eine schnelle Erholung ist nicht zu erwarten. Die Marktforscher von IDC gehen nach neuen Schätzungen davon aus, dass die weltweiten Ausgaben für Informationstechnologie - des wichtigsten Absatzmarktes der Chipbranche - in diesem Jahr lediglich um 2,3 % wachsen. Das ist weniger als bislang prognostiziert und lange nicht genug, um die Überkapazitäten der Chiphersteller auszulasten. Zudem gehen laut IDC die IT-Ausgaben im wichtigen Markt Japan sogar zurück. Doch nicht nur an Computern und Telekommunikation wird gespart. Die Chipbranche leidet darunter, dass auch die Unterhaltungselektronik wenig gefragt ist. Lediglich der Absatz an Autohersteller nimmt zu, weil immer mehr Elektronik in die Fahrzeuge eingebaut wird.

Die schlechten Aussichten der Branche zeigen sich in den Aktienkursen. Binnen Jahresfrist ist Infineon von knapp 25 Euro auf derzeit unter 7 Euro abgestürzt. Einige Banken haben ihr Kursziel sogar noch darunter angesetzt, bei 6 Euro.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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