Hoffnung auf politische Reformen: Börsianer rechnen mit Wende in Tokio

Hoffnung auf politische Reformen
Börsianer rechnen mit Wende in Tokio

Die japanischen Aktienkurse fallen ins Bodenlose. Auch eine Lösung der Bankenkrise ist nicht in Sicht. Kurzfristig wird sich daran nach Ansicht von Analysten nichts ändern. Doch die Investmentstrategen sind zuversichtlich, dass der Aufschwung nicht mehr in weiter Ferne ist.

TOKIO/DÜSSELDORF. "Japan ist für den Kapitalanleger denkbar uninteressant." Die täglichen Horrormeldungen von der Börse in Tokio geben dem Leiter für Private Banking Strategie bei HSBC Trinkaus, Klaus Lüpertz, bislang recht. Japans Aktienkurse fallen von einem Tief auf ein neues. Gestern rutschte der marktbreite Topix-Index, der 1 488 Unternehmen enthält, um ein weiteres Prozent ab und damit auf den tiefsten Stand seit Mai 1985.

Maßgeblich für die jüngste Entwicklung ist der Kursverfall bei Einzelhandelsaktien nach der Pleite des US-Unternehmens K-Mart. Dies rief bei Investoren die bislang unzureichende Hilfsoperation für den überschuldeten japanischen Einzelhandelskonzern Daiei in Erinnerung. Daneben litten Bankaktien. Japans größtes Brokerhaus Nomura präsentierte einen kräftigen Gewinneinbruch.

Für Belastung sorgte auch der Abgabedruck im Zusammenhang mit der Auflösung gegenseitiger Beteiligungen durch Banken, Versicherungen und Unternehmen. Allein von den Banken sind künftig Aktienverkäufe mit einem Gesamtvolumen von umgerechnet 850 Mrd. Euro geplant. "Der Kursverfall ist gerechtfertigt. Ein Ende ist wegen der drückenden Last durch die vielen faulen Kredite noch nicht abzusehen", meint Japan-Spezialist Roland Ziegler von der BHF-Bank.

Die Regierung reagiert hilflos. Finanzminister Masajuro Shiokawa erklärte, er verstehe überhaupt nicht, welche Kriterien für die Kursentwicklung bestimmend seien. Im April oder Mai will er ein Maßnahmenpaket zusammenstellen, mit dem der Kursrückgang bei Aktien gestoppt werden soll. Offenbar hat der 80-Jährige Steuererleichterungen bei Wertpapieren und Grundstücksgeschäften ins Auge gefasst. Details bleibt er bislang schuldig. Händlern zufolge verunsichern derart vage Äußerungen die Märkte noch mehr. Gleichzeitig setzt sich der Verfall der japanischen Währung fort. Der Yen rutscht fast täglich auf neue Drei- Jahres-Tiefs. Als Folge können zwar exportorientierte Unternehmen wie aus der Auto- und Elektronikindustrie mit erheblichen Gewinnsteigerungen rechnen. Andererseits droht ein Kapitalabfluss ausländischer Anleger, die neben der Aktienschwäche nun auch noch Währungsverluste beklagen.

Angesicht dieser Ausgangslage rechnet Hirokazu Yuihama, Senior Strategist beim Daiwa Institute of Research, bis Ende März mit einen weiteren Kursverfall. Er sieht den Nikkei-Index, der gestern knapp über der 10 000-Marke schloss, bis auf 9 000 Punkte fallen.

Doch dieser Kursverfall dürfte nach Ansicht von Investmentstrategen bald ein abruptes Ende finden. Ryoji Musha von der Deutschen Bank in Tokio rechnet mit "dramatischen Initiativen der Politik", weil Ministerpräsident Junichiro Koizumi eine "kapitalistische Revolution" anstrebe und sich zu einem "japanischen Gorbatschow" entwickeln könne. Mushas wahrscheinlichstes Szenario: Nach einem Fall des Nikkei-Indexes bis auf 8 000 Punkte zwischen Februar und März winkt eine V-förmige Börsenerholung mit einem Anstieg des Nikkeis auf 12 000 Punkte bis Jahresende. Er rät Anlegern, neben den gebeutelten Bankaktien Technologiewerte zu kaufen.

Grund für den Optimismus ist die Erwartung, dass sich die Regierung zu Verstaatlichungen und einer Inflationspolitik entscheidet. "Möglich ist eine Teilverstaatlichung, indem die Regierung Stimmrecht über ihre vielen Vorzugsaktien bekommt", meint BHF-Stratege Ziegler. Die Idee: Die Regierung hält zwar nur stimmrechtslose Vorzugsaktien. Diese gewinnen aber Stimmrecht, wenn Dividendenzahlungen ausbleiben. "Auf diese Weise könnte die Regierung im Top-Management vieler Banken aufräumen, was bislang nicht geschieht", sagt Ziegler.

Ebenso wie Musha rechnet auch er mit einem kräftigen Kursaufschwung an der Börse, falls es zu Sozialisierungen kommt. "Anleger sollten aber nicht auf Banken setzen. Im schlimmsten Fall droht bei Verstaatlichungen Totalverlust", warnt Ziegler. Er setzt auf exportorientierte Unternehmen wie Sony, Canon und Honda, die vom jüngsten Kursverfall verschont blieben. Doch auch Halbleiterwerte wie Advantest und Rohm stehen auf seiner Empfehlungsliste.

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