Hoffnung auf "Window-dressing"
Die Jahresendrally im Blick

Ordentliche Hausfrauen und-männer putzen vor der Silvesterfeier die Fenster. Bei Fondsgesellschaften und Versicherungen gibt es Ähnliches: "Window-Dressing" ist ein altes Phänomen, das sich nach der Erfahrung von Rolf Stegemann-Kühnert jedes Jahr vor allem am letzten Handelstag wiederholt. "Manche denken, es kommt nicht, und dann kommt es doch", sagt der Aktienhändler der BHF-Bank. Die Gesellschaften platzieren in den dünnen Markt am Jahresende ein paar große Kaufaufträge, um die Kurse einzelner Aktien zum Bilanzstichtag nach oben zu treiben. Wie stark dieser Effekt den Markt bewegt, wagt der Händler freilich nicht zu beziffern.

Dass Window-Dressing "einiges Kapital in den Markt pumpen wird", steht für Ben Funnell, Londoner Aktienstratege von Morgan Stanley, fest. Der Dezember dürfte daher ein "starker Aktienmonat werden". Funnell bezieht sich bei seinen Prognosen auf Kundenbefragungen, wonach der durchschnittliche Portfoliomanager noch nicht genügend gewinnträchtige Titel besitze, aber gerade solche zukaufen will - unter anderem Technologietitel, die stark schwanken und in guten Börsenzeiten hohe Renditen bringen. Funnell: "Der Risiko-Appetit der Portfoliomanager steigt wieder."

Manche institutionellen Anleger räumen ihr Depot auf andere Weise auf, wie Adig-Sprecher Josef Wild erklärt: "Wir machen kein Window- Dressing." Kurz vor Jahresschluss verkaufen sie Titel, die seit einiger Zeit für negative Schlagzeilen sorgen, um sich in anstehenden Halbjahresberichten nicht der Kritik der Anleger auszusetzen. Ob es Ende 2001 einen Aufschwung geben werde, sei eine "zufällige Geschichte", in Zeiten mit hohen Kursschwankungen seien 15 Prozent schnell gewonnen - aber auch zerronnen. Der Londoner Aktienstratege Khuram Chaudhry von Merrill Lynch ist noch vorsichtiger. Er glaubt, dass alles, was es bisher überhaupt an positiven Nachrichten gab, schon in den Kursen enthalten ist. Eine Rally sieht er nur, wenn es noch zusätzlich positive Überraschungen geben sollte, etwa von den Unternehmen.

Viele Analysten sind positiv gestimmt

Doch viele andere Analysten sind eher positiv gestimmt, wobei sie auf Cash-Bestände setzen: So sieht Klaus Martini, Leiter Fondsmanagement europäische Aktien bei der DWS, gute Chancen für eine kleine Jahresendrally, "weil niemand derzeit zu viel Bargeld in der Bilanz stehen haben will". Hendrik Garz, Aktienstratege bei WestLB Panmure, pflichtet ihm bei, die Börse werde zurzeit "durch Liquidität getrieben". Beide Experten sind darüber hinaus der Meinung, kleine Lichtblicke gebe es auch von volkswirtschaftlicher Seite - der amerikanische Einkaufsmanager-Index zum Beispiel sei besser als erwartet ausgefallen.

Rolf Elgeti von der Commerzbank Securities in London sieht noch weitere Gründe, warum die Aktienkurse in Europa - insbesondere in Deutschland - auf kurze Sicht steigen könnten: In Europa hätten viele institutionelle Investoren wie Fonds und Versicherungen ihre Depots nach den Terrorattacken in den USA vom 11. September abgesichert. Ein Großteil dieser Hedge-Positionen dürfte seiner Einschätzung nach in Kürze aufgelöst werden. Damit werde Kaufdruck auf den Aktienmarkt einhergehen. Dass zahlreiche Marktteilnehmer in zu hohem Maße abgesichert seien, könne man an den hohen Preisen für Puts sehen, sagt Elgeti. In den USA sei dieses Phänomen nicht zu beobachten, deswegen ist er der Ansicht, dort - ebenso wie in Großbritannien - gebe es gegenwärtig nicht viel Potenzial für einen Aufschwung.

Auch aus charttechnischer Sicht gibt es für die deutschen und europäischen Aktien kurzfristig gute Kurschancen. "Langfristig liegt der Euro Stoxx 50 zwar noch in einem Abwärtstrend", warnt Michael Riesner von der DZ Bank. Er rechnet für die nächsten Wochen mit einem Test der Widerstandszone zwischen 3 760 und 3 890 Punkten und des langfristigen Abwärtstrends bei knapp 4 000 Punkten. Riesner geht aber nicht davon aus, dass der Trend im ersten Anlauf nach unten durchbrochen wird.

Für den Dax sind die charttechnischen Aussichten besser: Achim Matzke von Commerzbank Securities geht davon aus, dass eine Jahresendrally den Index bis in die "massive Widerstandszone" von 5 350 bis 5 650 hineinführen wird. Jörg Krämer, Chefvolkswirt bei der Fondsgesellschaft Invesco, rät derzeit zur Übergewichtung deutscher Aktien, weil der Dax oberhalb der Zwölf-Wochen-Durchschnittslinie liege.

Dass gegenwärtig keine Aufbruchstimmung an der Börse herrscht, lässt sich nicht leugnen. Doch gerade diese Tatsache stimmt Elgeti optimistisch: "Die skeptischen Anleger sind sicher nicht voll investiert - und wenn sie am Jahresende nicht kaufen, dann im Januar oder Februar."

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