Hoffnung bei chronischer Atemnot
Atemwegsmedikamente lassen die Pharmabranche hoffen

Medikamente gegen Asthma und Atemnot versprechen für die Pharmabranche kräftiges Wachstum. Neue Spieler drängen in den Markt. Aber die Risiken in der Produktentwicklung bleiben hoch.

DÜSSELDORF. Weltweit mehr als 200 Millionen Menschen leiden unter Asthma oder chronischer Atemnot. Erfüllen sich die Erwartungen der Pharmaforscher, werden sie im Laufe der kommenden Jahre etwas freier durchatmen können - und mit ihnen auch die Manager einiger großer Arzneimittel-Konzerne.

Denn neue Medikamente für die Behandlung von Atemwegs-Erkrankungen gehören derzeit zu den wichtigen Hoffnungsträgern der Pharmabranche. Sie sollen in den kommenden Jahren das Wachstum in einem Segment des Pharmamarktes beflügeln, das heute bereits 25 Mrd. $ zum Umsatz der Branche beisteuert und derzeit mit einer Jahresrate von etwa 11 % expandiert. Medikamente gegen Asthma, Allergien und Raucherhusten bilden damit die viertwichtigste Produktgruppe im Arzneimittelgeschäft, und ihre Bedeutung für die Branche dürfte in den kommenden Jahren eher noch wachsen. Die Investmentbank WestLB Panmure etwa geht davon aus, dass das Marktsegment in den nächsten Jahren um 12 - 13% zulegen wird, obwohl umsatzstarke Mittel gegen Heuschnupfen voraussichtlich ihren Patentschutz verlieren werden.

GlaxoSmithkline ist führend im Bereich Asthma

Führender Akteur im Bereich Asthma ist bislang der britische Pharmariese GlaxoSmithkline mit rund 5 Mrd. $ Umsatz auf diesem Gebiet. Doch kündigt sich für die kommenden Jahre ein schärferer Wettbewerb an. Denn mit Pfizer, Aventis und Novartis wollen vertriebsstarke Konzerne mit neuen Produkten in die Behandlung von Asthma und chronischer Atemnot vordringen.

100 bis 150 Millionen Menschen weltweit leiden an Asthma

Hinter ihren Strategien steht einerseits die Hoffnung auf Erfolge im Labor, andererseits die Erwartung deutlich steigender Patientenzahlen. Nach Daten der Weltgesundheits-Organisation WHO leiden weltweit zwischen 100 und 150 Millionen Menschen an Asthma. In ähnlicher Größenordnung bewegen sich die Schätzungen für allergische Rhinitis (Heuschnupfen) und die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). Vor allem diese Krankheit gilt als aussichtsreiches Betätigungsfeld für die Pharmahersteller. Denn für COPD gibt es bisher kaum Medikamente und das Leiden gilt weithin als "unterdiagnostiziert". Anders als Asthma ist die Krankheit durch einen langsamen, aber irreversiblen Verlust an Lungenfunktion gekennzeichnet, ausgelöst in erster Linie durch langjährigen Tabakkonsum. Zuweilen ist daher auch von "Raucherhusten" oder "Raucherlunge" die Rede. Die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) führen allein in den USA etwa 120 000 Todesfälle auf COPD zurück. Die Zahl der Personen mit chronischer Atemnot wird auf etwa 24 Millionen im Jahr 2000 geschätzt, wovon jedoch nur 10 Millionen in ärztlicher Behandlung waren. Die WHO geht davon aus, dass COPD im kommenden Jahrzehnt zur weltweit dritthäufigsten Todesursache avancieren wird.

Interesse der Pharmabranche an COPD wächst

Vor diesem Hintergrund ist das Interesse der Pharmabranche an COPD in den vergangenen Jahren spürbar gewachsen. Vor gut einem Jahr vereinbarte zum Beispiel der auf dem Gebiet bisher gar nicht vertretene Pharmariese Pfizer eine Marketingpartnerschaft mit Boehringer Ingelheim für deren Neuentwicklung Spiriva. Dieses Medikament ist eines der ersten, das ausschließlich für die Behandlung von COPD entwickelt wurde. Es ist inzwischen in den ersten europäischen Märkten zugelassen und hat vor wenigen Tagen eine entscheidende Hürde in den USA genommen, nachdem sich ein Beratergremium der FDA für die Zulassung aussprach.

Großes Umsatzpotenzial

Das Umsatzpotenzial wird von Analysten auf mehr als 2 Mrd. $ geschätzt. Allerdings wird sich das Duo Pfizer/Boehringer kaum alleine im COPD-Markt tummeln können. Denn auch eine Reihe etablierter Asthmamedikamente wird von Ärzten zunehmend in der Behandlung chronischer Atembeschwerden eingesetzt - und von ihren Herstellern entsprechend vermarktet. Paul Diggle von WestLB Panmure sieht daher in dem Bereich auch deutliche Wachstumschancen für die britischen Konzerne AstraZeneca und GlaxoSmithkline, die in den vergangenen Jahren bereits mit kortisonhaltigen Sprays kräftig expandierten. Kombinations-Medikamente mit entzündungshemmenden und bronchienerweiternden Wirkstoffen sind vor allem in Europa bei der Asthma-Behandlung deutlich auf dem Vormarsch. Solche kombinierte Therapien, schätzt Diggle, dürften mittelfristig auch im COPD-Bereich eine wichtige Rolle spielen.

Eine weitere Wirkstoffklasse für Asthma und COPD reift derzeit in Gestalt der sogenannten PDE4-Hemmer in den Labors mehrerer Pharmakonzerne heran. Prominentester Kandidat ist das Altana-produkt Roflumilast, für das sich der US-Konzern Pharmacia die Vertriebsrechte gesichert hat.

PDE4-Hemmer blocken ein Protein, das bei Entzündungsprozessen eine maßgebliche Rolle spielt. Sie bieten damit die Aussicht, nicht nur die Symptome von Asthma oder COPD zu lindern, sondern auch an den Krankheitsursachen anzusetzen. Im Erfolgsfall könnten sie damit eine Alternative zu den Kortisonpräparaten bieten. Sie haben gegenüber etablierten Asthmamedikamenten den Vorteil, dass sie als Pille eingenommen werden können und nicht als Spray angewendet werden müssen. Zudem bietet sich die Chance mit diesen Substanzen auf Grund der entzündungshemmenden Wirkung unter Umständen auch andere Krankheiten wie Rheuma behandelt werden. Die entsprechenden Entwicklungsprojekte bieten als damit die Aussicht auf eine neue Wirkstoffgruppe mit relativ breitem Einsatzfeld.

Entwicklungsrisiken sind hoch

Allerdings sind die Entwicklungsrisiken nach wie vor hoch. Denn die Wirkstoffe zielen auf einen Angriffspunkt, der in der medizinischen Praxis bisher nicht erprobt ist. Mehrere PDE4-Hemmer, darunter auch eine Projekt des Bayer-Konzerns, sind bereits in der klinischen Entwicklung gescheitert. Entsprechend verschreckt reagierte die Börse, als Altana vor kurzem bekannt gab, den europäischen Zulassungsantrag für Rolflumilast um ein Jahr zu verschieben. Der britische Konzern GlaxoSmithkline bearbeitet bereits seit mehreren Jahren einen Wirkstoff aus der gleichen Klasse in der abschließenden klinischen Testphase. Er hat es bislang aber ebenfalls noch nicht gewagt, eine Zulassung zu beantragen. Weitere mehr als 20 PDE4-Hemmer befinden sich bei anderen Pharmafirmen in den verschiedenen Stadien der Entwicklung.

Wie schwierig es ist, die wirtschaftlichen Aussichten solcher Projekte zu beurteilen, zeigt die Entwicklung bei den Asthma-Medikamenten Accolate und Singulair, die ebenfalls an den Entzündungsprozessen ansetzen. Während bei AstraZeneca die Umsätze mit Accolate klar enttäuschten, entwickelt sich beim US-Konzern Merck & Co das Geschäft mit Singulair wesentlich besser als von den meisten Analysten erwartet. Das Asthmamedikament entpuppte sich im vergangenen Jahr als das wachstumsstärkste Produkte im Atemwegsbereich.

Auf einen ähnlichen Erfolg hoffen der Biotech-Konzern Genentech und sein Partner Novartis mit dem neuartigen Asthmamedikament Xolair bislang vergeblich. Xolair, ein Wirkstoff aus der Gruppe der therapeutischen Antikörper, ist das erste Biotech-Medikament gegen Asthma. Seine Wirkung beruht darauf, dass es einen Botenstoff des Immunsystems hemmt und damit ebenfalls Entzündungsreaktionen in den Bronchien unterbindet. Eine Zulassung hat Novartis indessen bisher nur für Australien erhalten. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA forderte dagegen zusätzliche Daten, die Novartis und Genentech Ende des Jahres einreichen wollen. Eine Zulassung in den USA ist daher frühestens 2003, in Europa nicht vor 2004 zu erwarten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%