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Musikbranche rutscht tiefer in Krise

Die Musikbranche hat den Blues. Und damit ist nicht das Wiederaufleben des schwermütigen Genres gemeint, sondern die immer größer werdende Krise. Im ersten Halbjahr verkauften die Plattenfirmen in Deutschland 16,3 % weniger Musik als im Vorjahreszeitraum - die Branche hat in fünf Jahren 30 % Umsatz verloren. "Ich befürchte, dass die Talsohle noch nicht erreicht ist", sagte der Vorsitzende des Phonoverbandes, Gerd Gebhardt, auf der Musikmesse Popkomm in Köln.

HB/dpa KÖLN. Auch die 15. Popkomm wurde in ihrem letzten Kölner Jahr und vor dem Umzug nach Berlin in den Absatzstrudel mit hineingerissen. Gerade einmal 10 247 Fachbesucher kamen nach aktuellen Zählungen vom Sonntag in die Messehallen - das sind fast 30 % weniger als im Vorjahr (14 553). Da kann auch der Hinweis auf den Erfolg des neuen Konzepts, die Geschäftsmesse um einen Fan-Bereich zu erweitern und so nach vorläufigen Schätzungen über 4000 Besucher zusätzlich anzulocken, kaum von der Krise ablenken.

Gründe zum Jammern gibt es genug: Das Geschäft mit der Onlinemusik wurde jahrelang verschlafen, illegale Tauschbörsen wie Napster und Kazaa füllten die Lücke. Ergebnis: 622 Mill. heruntergeladene Songs mit einem Marktwert von fünf Mrd. ? in 2002. Auch das CD-Brennen boomt: Vergangenes Jahr wurden 260 Mill. Musik-CDs kopiert, gegenüber 165 Mill. verkauften Scheiben. Der Hamburger Rapper Sammy Deluxe warnt: "Junge Nachwuchskünstler kriegen keinen Plattendeal, weil in den Firmen kein Geld mehr für sie da ist."

Doch gab es bei der dreitägigen Popkomm auch Licht in der Düsternis der ausgedünnten Messehallen. Die Branche kündigte die langersehnte Internetplattform zum Herunterladen von Musik an. Im Herbst soll PhonoLine starten - mit Handelspartnern wie viva.de, mtv.de, karstadt.de oder auch saturn.de. Alle Labels sollen dort zum ersten Mal gemeinsam ihre Musik anbieten. Sie hegen große Hoffnungen: "Ich wette, dass wir in fünf Jahren ein Drittel unseres Umsatzes mit Downloads machen", meinte Universal-Chef Tim Renner. Andere Plattenbosse glauben an 15 bis 20 %.

Die häufig beschworene Krise des Pop gebe es nämlich gar nicht, meint auch der Leiter der neuen Popakademie in Mannheim, Udo Dahmen. "Es ist eine Krise der Tonträgerindustrie, aber Musik selbst ist immer noch ein heißes und sehr wichtiges Thema", sagte Dahmen der dpa. Der Vorwurf an die Industrie, sie setze nur auf schnelle, austauschbare Hits, treffe nur teilweise zu. "Die Casting-Shows beispielsweise sind ja nur ein Segment der gesamten Musikindustrie." Der Erfolg von innovativen deutschen Bands wie Die Happy und Wir sind Helden zeige, dass es auch anderes gebe.

Der Pop lebt - wie auch das Programm rund um die Messe bewies. Das dreitägige Ringfest in der Kölner Innenstadt mit Stars wie den No Angels und Lutricia McNeal lockte vermutlich wieder bis zu zwei Mill. Fans vor die Bühnen. Beim Popkommfestival spielten über 200 meist unbekanntere Bands in voll besetzten Kölner Clubs. Auf der Popkomm.Public waren Stars wie Jeanette, Oli P. und Alexander von jugendlichen Fans umschwärmt. Und die erstmals im großen Rahmen ausgerichtete Comet-Show war ausverkauft. "Ich finde das sehr ermutigend, wenn bei so einem Line-Up mit ganz vielen deutschen Künstlern 16 000 Menschen in die KölnArena kommen", sagte Gorny. Und als echter deutscher Superstar triumphierte Doppelsieger Hebert Grönemeyer über Top-Leute wie Robbie Williams und Eminem.

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