Hoffnungen auf steigende Unternehmensgewinne haben sich nicht erfüllt
Zweifel am „New-Economy“-Wunder wachsen

Für Bill Dudley ist die Sache gelaufen: "Ruhe sanft, New Economy", meint der US-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs. Das vermeintlich neue ökonomische Zeitalter mit schnellem Produktivitätswachstum und rasch steigenden Unternehmensgewinnen hat sich seiner Meinung nach in Luft aufgelöst. "Die meisten der grundlegenden Lehren der New Economy haben sich erledigt", sagt Dudley.

DÜSSELDORF. Lange waren zahlreiche Ökonomen überzeugt, dass sich die US-Ökonomie ab Mitte der 90er-Jahre in eine andere Wirtschaft verwandelt hatte. Die Hoffnung: Dank des rasanten technischen Fortschritts bei Computern und Internet-Technologien wachse die Produktivität in Zukunft dauerhaft deutlich schneller als im historischen Durchschnitt - und das werde zu einem Boom bei den Unternehmensprofiten führen. Zugleich erreichten Arbeitslosigkeit und Inflation in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre in den USA historische Tiefstände. Selbst US-Notenbank-Chef Alan Greenspan sprach von einer "neuen Ära".

Wunschdenken, meinen immer mehr Ökonomen heute. "Die Vorstellung, dass die alten Gesetze der Wirtschaft außer Kraft gesetzt worden sind, war eine Fata Morgana", sagt Ulrich Kater, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der Deka-Bank.

Dafür sprechen gleich mehrere Argumente: Die Produktivität kletterte in den USA langsamer als bislang gedacht. Die US-Statistiker haben vor kurzem ihre Zahlen nach unten revidiert. "In den Zeiten des Booms stieg die Produktivität nur etwas schneller als früher, im Abschwung entwickelte sie sich nur noch durchschnittlich", so Dudley von Goldman Sachs. Zudem haben sich die Profite der Unternehmen bei weitem nicht so gut entwickelt wie erhofft. Im Gegenteil: Der Anteil der Unternehmensgewinne am Bruttoinlandsprodukt ist seit Mitte der 90er-Jahre gefallen. Ende 2001 lag er nach Berechnungen von UBS Warburg nur noch bei 7 % - zwei Prozentpunkte unter dem historischen Durchschnitt.

Das schnelle Wachstum der US-Wirtschaft in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts erklären die Skeptiker mit Einmaleffekten: Wegen des Jahr- 2000-Problems und des Internet-Fiebers sei es zu einem kurzfristigen Investitionsschub gekommen, der das Wachstum eine Zeit lang beflügelt habe - inzwischen aber abgeklungen sei. "Es gibt immer wieder Phasen, in denen neue Technologien eingeführt wurden. Das führt temporär zu leichten Produktivitätssteigerungen und höherem Wachstumspotenzial", meint Kater.

In den kommenden Jahren werde die Produktivität der US-Wirtschaft daher langsamer zulegen, ist Goldman-Sachs-Ökonom Dudley daher überzeugt: "Im besten Fall wird das Produktivitätswachstum in den nächsten Jahren im Schnitt bei 2,25 % liegen", schätzt er - zwischen 1996 und 2000 waren es dagegen 2,5 %.

Aber dennoch: Nicht alle Ökonomen schreiben die Idee der New Economy komplett ab. Trotz der Revisionen sei das Produktivitätswachstum in den USA immer noch überdurchschnittlich, betont Stephen King, Chefökonom der britisch-asiatischen Bank HSBC. "Es sieht schon so aus, als ob sich die Wirtschaft durch die Informationstechnologie verändert hat."

Nur: Computer, Internet und E-Business hätten gleichzeitig den Wettbewerbsdruck deutlich erhöht - und dadurch die Unternehmensgewinne zusammen schrumpfen lassen. Denn die Informationstechnologie mache viele Märkte deutlich transparenter und reduziere Markteintrittsbarrieren. Dadurch könnten neue Unternehmen etablierten Firmen leichter Konkurrenz machen. "Die neue Technologie macht es den Unternehmen schwerer, übermäßige Gewinne zu erwirtschaften", sagt King.

Auch Georg Erber, auf Informationsgesellschaft spezialisierter Ökonom im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, ist nach wie vor überzeugt: "Das technologische Potenzial der Informationstechnologie ist weiterhin gigantisch." Nur müssten die Nutzer erst langsam lernen, die technischen Möglichkeiten richtig auszunutzen - erst dann komme es zu nachhaltigen Produktivitätssprüngen. Und bis die Anwender das Letzte aus Computern und Internet herausholen können, werde es noch eine ganze Weile dauern: "Das wird nicht explosionsartig passieren, sondern sich erst im Laufe der Jahre vollziehen", ist Erber überzeugt. "Die Produktivitätseffekte, auf die viele kurzfristig gehofft haben, werden sich erst in fünf bis zehn Jahren zeigen."

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