Hoffnungsträger tritt ab
Porträt: Jürgen Sengera

Nur knapp zwei Jahre hat sich Jürgen Sengera auf seinem Posten als Vorstandschef der WestLB AG halten können.

Reuters DÜSSELDORF. Während sein Vorgänger Friedel Neuber - zwar nicht immer unangefochten aber dennoch über 20 Jahre lang - die Geschicke der einstigen Landesbank in Nordrhein-Westfalen lenkte, musste der im September 2001 als Hoffnungsträger angetretene Sengera nach einem Treffen der Anteilseigner am Montag seinen Hut nehmen. Da man sich über die zukünftige Geschäftspolitik der Bank nicht habe einigen können, seien die Verträge Sengeras "in gegenseitigem Einvernehmen" aufgelöst worden, hieß es offiziell. Der 60-jährige selbst hatte noch jüngst erklärt, er rechne nicht mit personellen Konsequenzen. Letztlich zog die WestLB damit aber Konsequenzen aus der Kritik der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) an Geschäften der umstrittenen Investmentbankerin Robin Saunders, die der Bank millionenschwere Wertberichtigungen eingetragen hatten.

Der studierte Betriebs- und Volkswirt Sengera startete bereits Anfang der 70er Jahre seine Karriere bei der WestLB und arbeitete seitdem - mit Ausnahme von fünf Jahren bei der NordLB - bei dem Düsseldorfer Institut. Bei seinem Amtsantritt als Vorstandschef von Deutschlands fünftgrößter Bank im Herbst 2001 galt er als politisch unbelastet und als Hoffnungsträger. Er sollte die aufgrund ihrer Verflechtungen mit der Politik immer wieder in die Schlagzeilen geratene Landesbank in der internationalen Bankenwelt positionieren und reif für den Kapitalmarkt machen. "Als ganz normale Bank werden wir hier wahrgenommen", sagte Sengera im Herbst 2001 bei einem Treffen mit Londoner Investmentbankern.

Nach der von der EU-Kommission erzwungenen Aufspaltung der Landesbank in ein privates und ein öffentlich-rechtliches Institut im Herbst vergangenen Jahres schien Sengeras Engagement als Vorstandschef ökonomisch eine Erfolgsgeschichte zu werden. Er plante umfassende Restrukturierungen und einen Abbau von mindestens 1500 Stellen, um die Bank fit für einen möglichen Börsengang und die Zeit nach dem Wegfall der staatlichen Haftungsgarantien im Jahr 2005 zu machen. Auch als Sengera im Februar 2003 einen Milliardenverlust für das Vorjahr ankündigte, schien die Welt trotz des hohen Fehlbetrages letztlich noch in Ordnung zu sein. Sollten doch in der Bilanz 2002 alle Risiken und Abschreibungen verarbeitet werden, darunter der Betrugsfall Enron in den USA oder die Pleite von Babcock Borsig.

Doch alle Träume platzten, als im April die umstrittenen Geschäfte der Investmentbankerin Saunders und die Probleme bei der britischen Gesellschaft Boxclever öffentlich wurden. Sengera - Förderer von Saunders und im Vorstand früher auch für strukturierte Finanzierungen verantwortlich - musste im Mai wegen erneut millionenschwerer Abschreibungen überraschend einen Vorsteuerverlust von rund 1,7 Mrd. ? für 2002 bekannt geben. Die BaFin leitete daraufhin eine Sonderprüfung von Saunders-Geschäften ein, weil die WestLB-Bankerin für die Vermittlung von Krediten offenbar mit besonders günstigen Aktien der betreffenden Firmen belohnt worden war. Nun wird ein anderer Sengeras Arbeit vollenden und die WestLB AG vollends fit für den internationalen Wettbewerb machen müssen.

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