Hohe Aktivierungsquote bei Entwicklungskosten in der Autoindustrie
VW zeigt heute Gewinne von morgen

Entwicklungskosten fast vollständig zu aktivieren und damit das aktuelle Ergebnis zu schonen, ist verlockend. Nach heftiger Kritik aus den Finanzmärkten hat VW dieser Versuchung zuletzt widerstanden.

DÜSSELDORF. Kosten als Vermögen zu verbuchen, klingt abenteuerlich. Aber genau das machen Unternehmen, wenn sie einen Teil ihrer Forschungs- und Entwicklungskosten (F+E) aktivieren. In Erwartung eines späteren Gewinns aus diesen Investitionen wird aus den Kosten dann so genanntes immaterielles Vermögen. Das ausgewiesene Ergebnis wird entlastet.

Geschieht dies jedes Jahr in ähnlicher Größenordnung, bilden dagegen stehende Abschreibungen zum Teil einen Ausgleich. Wird diese "Aktivierungsquote" aber deutlich angehoben, wird das Ergebnisbild kurzfristig verfälscht. Der Vergleich mit früheren Perioden wird schwerer. Das verärgert manchen Investor, wie der Wolfsburger Volkswagenkonzern bei der Präsentation der Bilanz des Jahres 2001 und nach dem ersten Quartal 2002 erfahren musste.

VW hatte die Aktivierungsquote der Entwicklungsaufwendungen in den ersten drei Monaten 2002 auf über 70 %hochgeschraubt, nachdem diese im Jahr 2000 noch bei unter 40 % und im Jahresschnitt 2001 bei 56 % gelegen hatte. Hätte der Konzern die hohe Quote des ersten Quartals über das Jahr beibehalten, hätte VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder der Hauptversammlung am Donnerstag ein optisch deutlich besseres Ergebnis präsentieren können. Das war von Analysten teils heftig kritisiert worden. VW hatte sich daraufhin entschlossen, die Quote wieder zu senken, um erneute Kritik zu vermeiden. Am Jahresende 2002 lag sie bei 56,3 % und damit fast auf Vorjahresniveau.

Die Aktivierung der Entwicklungskosten ist ein Wechsel auf die Zukunft, "ein Vorziehen von Marge", wie es Arndt Ellinghorst, Autoanalyst der WestLB, ausdrückt. Der Effekt ist vergänglich: Der Aufwand, der meist aus der Entwicklung neuer Modelle resultiert und am Anfang aktiviert wird, muss über den Lebenszyklus eines Modells letztlich doch abgeschrieben werden. Das aktuelle Ergebnis wird zu Lasten späterer Gewinne aufgebessert. Das Verfahren ist bei Bilanzexperten umstritten. Karlheinz Küting vom Institut für Wirtschaftsprüfung der Universität des Saarlandes etwa misst der Aktivierung von Entwicklungskosten keinen nachhaltigen positiven Einfluss auf den Kapitalmarkt bei. "Analysten wissen abzuwägen, was es heißt, wenn Aktivierungen vorgenommen werden. Viele gehen nach dem Vorsichtsprinzip vor und streichen diesen Effekt beim Ertrag wieder raus."

Bei VW trug die Erhöhung der Aktivierungsquote 2001 zu einem Rekordergebnis bei. Vermutungen, dass damit der Abschied des VW-Konzernlenkers Ferdinand Piëch versüßt werden sollte, lässt der Konzern nicht gelten. Schließlich schrieben die IAS-Bilanzierungsregeln (International Accounting Standard) sogar eine Aktivierung vor, sagte ein Unternehmenssprecher. Ein vorhandener Spielraum werde genutzt. "Es ist nicht geplant, diese Praxis zu ändern", sagte der Sprecher weiter.

Die Dimension des Ergebniseinflusses zeigt die Höhe der F+E-Kosten in der VW-Rechnung 2002. Von angefallenen F+E-Kosten in Höhe von 4,37 Mrd. Euro wurden 2,46 Mrd. Euro aktiviert. Dem steht ein negativer Effekt aus Abschreibungen auf aktivierte Leistungen in Milliardenhöhe entgegen. "VW bekommt so lange keinen Druck auf das Ergebnis, wie sie viel aktivieren", sagt Ellinghorst. "Erst wenn der Konzern die F+E-Aufwendungen zurückschrauben würde, würden die Abschreibungen zu einer Ergebnisbelastung werden", so der Analyst. Angesichts einer von VW-Chef Bernd Pischetsrieder angekündigten Modell-Offensive dürfte diese Gefahr jedoch so schnell kaum bestehen.

Bleiben die Probleme beim Ergebnisvergleich. Firmen wie BMW oder Renault mit Aktivierungsquoten von rund einem Drittel sehen - relativ betrachtet - gegen das VW-Ergebnis eher schlecht aus.

Noch schlechter - relativ betrachtet - sieht der Ertrag bei Unternehmen aus, die intensiv entwickeln, aber nicht nach IAS bilanzieren, sondern alle Kosten direkt als Aufwand in der Gewinn- und Verlustrechnung verbuchen müssen. Firmen wie Porsche, deren Geschäft glänzend läuft und die die nach HGB rechnen, stecken das weg. Die Sportwagenschmiede (Jahresüberschuss in 2001/200 rund 462 Mill. Euro) verdaute F+E-Kosten von 243 Mill. Euro, was rund 5 % vom Umsatz entspricht. Daimler-Chrysler tat sich zuletzt schwerer. Rund 6,2 Mrd. Euro F+E-Aufwendungen musste der Konzern im Geschäftsjahr 2002 bei einer allerdings verbesserten Gewinnsituation (Jahresüberschuss 4,9 Mrd. Euro) verkraften.

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