Hohe Anforderung an die Infrastruktur
Internet-Erotik zieht Kritik und Aufmerksamkeit auf sich

In den Erhebungen der IVW rangieren Angebote mit nackter Haut weit vorn. Die große Popularität von Erotik und Sex im Internet verleitet auch immer mehr Medienunternehmen und Internetdienste in Deutschland dazu, das Thema zu besetzen. Ganz reibungslos läuft das Geschäft aber noch nicht.

DÜSSELDORF. Ein Internetmarktforschungsinstitut von Renommee wollte zum Vatertag eine Rangliste der erfolgreichsten, von Männern besuchten Internetangebote veröffentlichen. Nach Auswertung der Statistik verzichtete das Unternehmen auf die Publikation: Man fürchtete, die Veröffentlichung drastischer Sexseiten, die bei der Studie auf den Spitzenplatzen standen, könnten negativ auf das Marktforschungsunternehmen selbst zurückfallen.

Der Zugangsdienst T-Online hat in dieser Hinsicht offenbar weniger Hemmungen. Den Weg von der BTX-Nachfolgefirma zum Medienhaus sollen auch Erotikinhalte begleiten. Vorstandsvorsitzender Thomas Holtrop hat dabei nicht so sehr die Popularität des Themas angetan als vielmehr die Tatsache, dass sich im Internet mit Erotik-Inhalten bereits Geld einnehmen lässt.

T-Online steht mit dieser Einschätzung keineswegs allein und zudem auch nicht als Vorreiter da. Bereits am 13. Juni gab der Mitbewerber Freenet viel weit gediehenere Pläne bekannt. Gemeinsam mit dem Erotikversandhaus Orion und der Telefon- und Internet-Sexdienstefirma Audiofon wird der Internetdienst im Herbst ein Gemeinschaftsunternehmen starten. 2002 soll das "Fundorado" getaufte Joint Venture Umsätze im zweistelligen Millionenbereich erwirtschaften.

"Freenet war schon immer etwas offenherziger", sagt Unternehmenssprecherin Elke Rüther. Das Erotikportal wird nach ihren Worten neben einem kostenfreien Bereich zusätzlich kostenpflichtige Inhalte bereit stellen; als Abonnementgebühr ist ein "einstelliger Eurobetrag pro Monat" vorgesehen.

Jeder dritte Deutsche landet auf Sexseiten

"Erotik ist ganz klar einer der Bereiche im Internet, die funktionieren", sagt Rüther. Dabei sieht sie sich auch von einer Studie des Marktforschungsinstituts Netvalue bestätigt, der zufolge 33,4 Prozent der deutschen Internet-Nutzer regelmäßig auf Sex- und Erotikseiten herumsurfen. Auch andere Marktforschungsinstitute, die in diesem Zusammenhang nicht genannt werden wollen, stützen die These von der hohen Akzeptanz der Sexseiten im Internet.

Die Angst vor unerwünschter Publicity ist nicht unbegründet: Dass eine Verbindung mit Sex nicht nur erwünschte Aufmerksamkeit einbringen kann, musste im April das Web-Portal Yahoo erfahren. Der Web-Katalog, der in seinen Shopping-Seiten Pornovideos zum Kauf anbot, gab das Geschäft nach heftiger Kritik in den USA auf. "Das Thema Erotik wird im Moment hochgekocht", sagt Yahoo-Deutschland-Sprecherin Claudia Strixner. "Yahoo bietet keine eigenen Erotikinhalte an. Über Planungen reden wir nicht."

Geschäft mit Hindernissen

Das börsennotierte Unternehmen Beate Uhse will im Web dagegen gleich doppelt kassieren. Neben dem eigenen Portalgeschäft, zu dem unter anderem auch die Seite Sex.de zählt, tritt die Tochter Beate Uhse New Media, Hamburg, auch als Inhaltelieferant an Verlage in Erscheinung.

Auf der Hauptversammlung am 25. Juni musste der Beate-Uhse-Vorstandssprecher allerdings einräumen, "dass die in der Internet-Euphorie erhofften - vielleicht könnte man heute fast sagen "erträumten" - Dimensionen auch bei Beate Uhse noch nicht erreicht worden sind."

Der Geschäftsbereich Entertainment hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang von 22 Prozent auf 45 Mill. DM zu verkraften. Das Minus lastete das Unternehmen der Deutschen Telekom an. Das T-Online-Mutterunternehmen hatte Probleme beim Inkasso. In diesem Jahr will Beate Uhse aber auch wieder im Internetgeschäft zulegen und erwartet einen Umsatz in Höhe von 55 Mill. DM.

In der Abrechnung der Dienstleistungen sind die Sexanbieter anderen Branchen insgesamt voraus. Abrechnungssysteme mit Altersverifikation wie "Über 18" sind allerdings mit nicht geringem technischen Aufwand verbunden. Zudem werden die Kunden immer anspruchsvoller. "Der Trend geht zu Bewegtbildern", heißt es bei Beate Uhse.

Auch Medienhäuser profitieren vom Pornoboom im Web

Nach der Phase, in der es bei Internetangeboten vor allem um die Reichweite ging und der Erfolg in Abrufzahlen gemessen werden sollte, rücken jetzt auch in den Medienhäusern gewinnträchtige Klicks in den Mittelpunkt. Bei Erotik und Sex ist, so die Hoffnung der Unternehmen, sogar beides drin: Die Internetangebote mit kostenpflichtigen Zusatzbereichen liegen in der Gunst der Nutzer tatsächlich an Spitzenplätzen.

Der Bauer Verlag, der in der Vergangenheit seine Verbindung zum Sex- und Skandalzeitschriftenverleger Klaus Helbert (Coupé, Blitz-Illu, Peep) eher nicht an die Öffentlichkeit bringen wollte, ist nach der Übernahme des ursprünglich in Wiesbaden angesiedelten Spezialverlags Ende Dezember vorigen Jahres zum wichtigen Player im Internet-Sexinhalte-Geschäft aufgestiegen. Dabei interessierten Bauer weniger die Titel, deren fragwürdige Qualität den deutschen Presserat in der Vergangenheit besonders häufig auf den Plan rief, als die gut besuchten Präsenzen im Internet.

Die als Coupé Netz gebündelten Seiten der Tochter Inter Content Media kamen im Mai laut IVW auf knapp 85 Mill. Seitenabrufe. Allein die Präsenz Coupé.de erzielte 70 Mill. Page Impressions. Zum Vergleich: Deutschlands meist gelesene Tageszeitung "Bild" verbuchte im Internet im gleichen Zeitraum lediglich 51,7 Mill. Abrufe.

Edelerotik soll nicht an der Marke kratzen

Mehr als eine Spur gemäßigter zugehen als bei Bauers Sexseiten soll es beim deutschen Internetauftritt des Männermagazins Playboy. Die Lizenz für das Web hat sich die Internet-Tochter des Burda Verlags, Focus Digital AG, München, gesichert, während die deutsche Ausgabe der Zeitschrift weiterhin beim Bauer Verlag verlegt wird. "Wir werden uns gegenseitig die Bälle zuspielen", versichert Vernon von Klitzing, der bei Focus Digital die Sparte Geschäftsentwicklung leitet. Mit den Sexseiten von Bauer indes will Klitzing nichts zu tun haben. "Das ist genau die Klientel, die wir nicht ansprechen wollen. Natürlich wird es auch Bilder geben, aber die werden ästhetisch ausfallen."

Zahlenden Kunden will die Focus-Digital-Unternehmung einen Rückgriff bis zu den ersten Playmate-Bildern aus dem Jahr 1953 erlauben, als das Magazin mit Bildern von Marilyn Monroe seinen Siegeszug antrat. Der kostenfreie Bereich soll Informationen bieten, die "den Playboy von heute interessieren". Über die Größe der Internet-Redaktion will von Klitzing noch keine Angaben machen; die Höhe der "zeitabhängigen Abrechnung mit dem Monatsabo als kleinstem Bezugsrahmen" stehe noch nicht fest.

Im "Cyberclub" genannten Bezahlbereich soll es nach seinen Worten auch Streaming-Inhalte geben. "Wir haben Zugriff auf sämtliche Inhalte von Playboy USA, dazu zählt auch Filmmaterial", sagt von Klitzing. Befürchtungen, die zahlende Kundschaft werde nach härterem Material verlangen als ästhetischen Bildern unbekleideter Frauen, hege er nicht, sagt von Klitzing. Spielraum wird sich der Netzplayboy aber insofern verschaffen, als der Zugang von vornherein an eine Altersverifikation gebunden ist. Nutzer unter 18 bleiben außen vor. "Das ist ein sehr ernsthaftes Projekt. Wir werden sehr bewusst mit der Marke Playboy umgehen" sagt von Klitzing. Die Partnerschaft mit dem amerikanischen Unternehmen ist auf 10 Jahre angelegt.

Tomorrow Internet und Stern bieten Nacktes nur kostenlos

Kay Overbeck, Sprecher der Tomorrow Internet AG, Hamburg, hat Verständnis für Unternehmen, die auf das Triebgeschäft aus sind: "Ich kann schon verstehen, warum T-Online kostenpflichtige Erotikinhalte einführen will. Mit der Lust wird viel Geld verdient. Man muss aber sehr aufpassen, welche Art von Erotik man anbietet, da kann man schnell abrutschen." Wenig bekleidete Frauen haben bei den Internetablegern der Verlagsgruppe Milchstraße Tradition. "Das sind Bereiche, die oft geklickt werden, sagt der Tomorrow-Internet-Sprecher. Die Grenze zu eindeutigen Sexbildern soll dabei aber nie durchbrochen werden. An Erotik-Angebote, die nur gegen Gebühr zugänglich sind, denke das Unternehmen derzeit nicht. "Ein kostenpflichtiger Bereich ist nicht geplant."

"Behutsam angehen" will das Thema Erotik im Internet auch der Stern, der unter der Marke "Nerve" bislang eigenständige Erotikseiten offerierte. Die Kooperation läuft aus. In Zukunft wird das Thema Erotik zum Unterpunkt der Lifestyle-Rubrik.

Vier Jahre lang hat die Illustrierte einen "sechsstelligen Betrag" im Jahr für das Erotik-Beiboot an den Partner in den USA überwiesen. Stern.de-Redaktionsleiter Holger Lück sagt, nach der Eingliederung des Themas habe die "Liebesleben" getaufte Rubrik sogar weit höhere Zugriffszahlen erzielt als das selbstständige Nerve-Angebot. "Wir fahren auch in Zukunft das Thema Erotik", sagt Lück. "Aber Kooperationen spielen bei uns keine Rolle mehr."

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