Hohe Dunkelziffer - Keine Entwarnung
Anlagebetrüger verschlingen Milliarden

"Ihr Geld ist nicht weg, es hat nur ein anderer." Walter S. war nicht nur auf einen unseriösen Verkäufer amerikanischer Billigaktien, so genannter Penny Stocks, hereingefallen. Er musste sich von ihm auch noch verspotten lassen. Dass geteiltes Leid halbes Leid ist, tröstete ihn hernach wenig. Obwohl: Das Schicksal, reingefallen zu sein, teilen viele mit ihm.

DÜSSELDORF. Glaubt man Anlegerschützern, dann sagt die Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) über Anlagebetrug nicht mal die halbe Wahrheit. Wegen der hohen Dunkelziffer schätzen sie den jährlichen Schaden der Anleger auf 20 bis 30 Mrd. Euro.

Auch das BKA gibt trotz rückläufigen Zahlen keine Entwarnung. Das Amt vermutet, dass sinkende Renditen legaler Anlagemodelle die Sparer empfänglicher macht für leere Versprechungen der Betrüger. Martin Klingsporn, als Chefredakteur des "DFI-Gerlach-Reports" regelmäßiger Beobachter des grauen Kapitalmarktes, geht einen Schritt weiter: "Nach dem Börsenboom sind die Rendite-Ansprüche vieler Anleger sogar noch gestiegen."

Die Gauner am grauen, weil unregulierten Kapitalmarkt sind flexibel. Sie versprechen Sicherheit zuerst und winken hinten herum doch noch mit unrealistisch hohen Gewinnen. "Statt der zweiten Microsoft aus den USA werden jetzt Immobilienaktien verkauft", sagt Christoph Öfele, Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK).

Neue Märchen

Zwar ist das Geschäft mit den Penny Stocks aus den USA und Kanada noch nicht ganz tot, aber angesichts des Kursdesasters an den Börsen fällt es Telefonverkäufern schwerer, Gutgläubigen horrende Kursgewinne einzureden, wie sie einst der Software-Riese vorlegte (siehe auch: "Die Maschen der Abzocker"). Nun wird ein anderes Märchen erzählt. Es beginnt mit der Gründung einer Immobilien-AG, die bald ihr Kapital zu einem beliebigen Kurs erhöht. Die Aktien verkauft dann die Märchen-Tante am Telefon. "Die Telefonverkäufer suggerieren den Kunden, bis zum Börsengang in zwei bis drei Jahren werde sich der Kurs mindestens verdreifacht haben. Außerdem wird behauptet, die Immobilie sichere den Wert der Aktie. Dabei geht ein Großteil des Geldes an die Telefonverkäufer, und die Immobilien sind oft von Strohmännern weit überteuert gekauft worden", erzählt Öfele das Märchen, bei dem die Bösen so oft siegen.

Selbst wenn der Staatsanwalt gegen die Verantwortlichen einer solchen Firma ermittelt, wie im Fall der Dr. Ulrich AG, haben Anleger noch lange nicht gewonnen. Denn ein Strafurteil gegen eine Drahtzieher bringt ihnen kein Geld zurück - oft ist auch gar keines mehr da. Im Fall der Dr. Ulrich AG wird laut Staatsanwaltschaft noch wegen Betrugs ermittelt. Verfahren gegen Telefonverkäufer der Firma seien abgetrennt worden.

Dass dubiose Grau-Markt-Firmen "Sicherheit" als Verkaufsargument entdeckt haben, stellt auch die Verbraucherzentrale Berlin fest. Dort melden sich Sparer, denen Immobilien- und Beteiligungsgesellschaften nicht an einer Börse notierte eigene Schuldverschreibungen verkaufen wollen. "Attraktive Verzinsung, kein Kursrisiko, keine Kosten bei Erwerb und Eigenverwaltung" zitiert Peter Lischke aus den auch durch Tageszeitungen verbreiteten Werbeflyern. Der Anlageexperte der Verbraucherzentrale Berlin hat Zweifel, ob Einnahmen und Vermögen der Firmen ausreichen, um später Zins- und Tilgung zu leisten.

Mit der angeblich sicheren Immobilienanlage werben auch nach wie vor unseriöse Anbieter typisch und atypisch stiller Beteiligungen (siehe: Glossar). Sie nutzen eine Lücke, die ihnen der Staat immer noch offen hält, indem er Angebot und Vermittlung von Unternehmensbeteiligungen nicht unter Aufsicht stellt.

Perfekte Täuschungen

Für Claus Hambach von der Kanzlei Arendts Anwälte in Grünwald sind atypisch stille Beteiligungen die "perfekte Täuschung". Ein hochkompliziertes Produkt werde verkauft als sichere Kapitalanlage zur Altersvorsorge, die obendrein noch Steuervorteile biete. Dennoch werde im Prospekt jedes denkbare Risiko genau beschrieben. "Vor Gericht beruft sich der Anbieter auf seine umfassende Risikoaufklärung, wenn die überzogen positiven Prognosen nicht eintreffen", sagt Hambach und fragt weiter: "Wie soll ein Staatsanwalt angesichts täglich neuer Insolvenzmeldungen einem Initiator beweisen, dass er von vornherein in betrügerischer Absicht gehandelt hat?"

Worauf sie sich einlassen, merken die Beteiligten meist zu spät. Denn obwohl sie sich über Jahre hinweg zu regelmäßigen Zahlungen verpflichten, haben sie die Prospekte nicht gelesen. Doch das ist leicht nachzuvollziehen, denn bis zu 100 Seiten Juristendeutsch sind von Nicht-Juristen kaum zu verstehen. Zudem gehen unseriöse Anbieter oft auf Nummer sicher: "Der Anleger bekommt den Prospekt gar nicht oder erst nach Ablauf der Widerrufsfrist. Vorher hat ihn der Vermittler so lange psychologisch geschickt bearbeitet, bis er dennoch den Erhalt des Prospekts schriftlich bestätigt."

Obwohl seit Jahren landauf, landab vor stillen Beteiligungen gewarnt wird, läuft das Geschäft für die Anbieter immer noch glänzend. Anwalt Hambach vermutet Trittbrettfahrer: "Die Göttinger Gruppe ist ein Vorbild für viele Anbieter unseriöser Stille-Beteiligungs-Modelle." Ihre Prospekte werden zum Teil kopiert.

Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Köln dürfen die Beteiligungssparpläne der Göttinger als "Schneeballsystem" bezeichnet werden. Die Firma hat ihre umstrittenen Sparpläne nach eigenen Angaben vom Markt genommen. Mittlerweile haben Anwälte vielfach erreicht, dass Anleger nicht weiter in die Sparpläne einzahlen müssen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%