Hohe Entwicklungskosten belasten
Automobilzulieferer begehren auf

Die Autohersteller verlagern Entwicklungsarbeiten immer stärker auf ihre Zulieferer. Viele von ihnen können die jahrelange Vorfinanzierung der Entwicklungskosten kaum noch schultern.

STUTTGART. Für die Automobilzulieferer ist Diskretion Ehrensache - man redet nicht gern über Kunden. Doch inzwischen ist der Leidensdruck so groß geworden, dass die Branche öffentlich Druck macht: Die Zulieferer fordern eine fairere Verteilung der Lasten bei den Entwicklungskosten - und stoßen bei den Autokonzernen auf taube Ohren. "Viele mittelständische Zulieferer sind mit der Finanzierung überfordert", klagt Hubert Stärker, Chef des Augsburger Abgasanlagenspezialisten Zeuna-Stärker. Beim Esslinger Konkurrenten Eberspächer sank wegen des teuren Aufbaus weiterer Entwicklungskapazitäten die Rendite in 2001 auf magere 0,5 % des Umsatzes.

"Die Not ist groß", sagt auch Rainer Thieme, Chef von Karmann und Vizepräsident beim Verband der Automobilindustrie (VDA). Er befürchtet, dass viele aufgeben müssen. Die Unternehmensberatung Mercer hat schon 2001 vor einem Zulieferersterben gewarnt: Von weltweit 5 500 Zulieferern würden bis 2010 rund 2 000 Firmen vom Markt verdrängt .

Gängige Praxis

Schon seit einigen Jahren verlagern die Autohersteller Entwicklungsaufgaben auf die Zulieferer. Die Hersteller konzentrieren sich immer mehr auf Design und Vertrieb der Fahrzeugmodelle und behalten sich nur noch die Entwicklung von Kernkomponenten wie dem Motor vor. Schon jetzt schultern die Zulieferer laut der Unternehmensberatung Roland Berger gemessen am Umsatz höhere Entwicklungskosten als die Hersteller: Beim Hersteller sind es im Schnitt 5 % des Umsatzes, beim Zulieferer bis zu 8 %.

Die Verlagerung bringt den Zulieferern zwar mehr Geschäft, aber auch Nachteile: Sie müssen die Entwicklungskosten vorfinanzieren. Geld jedoch sehen sie erst, wenn das Auto tatsächlich auf die Straße rollt. Erst am Ende des Lebenszyklus eines Modells weiß der Zulieferer, ob sich die Entwicklung rentiert hat. Denn die Entwicklungskosten zahlen die Konzerne nur anteilig pro abgenommener Komponente. Läuft ein Modell schlecht, bleibt der Zulieferer also auf einem großen Teil der Kosten sitzen.

"Zum Zeitpunkt der Entwicklung ist noch sehr unsicher, was letztlich an Stückzahlen in den folgenden fünf bis zehn Jahren produziert wird", warnt selbst Hermann Scholl, Chef des Branchenriesen Bosch. Allenfalls kapitalstarke Unternehmen wie Bosch können sich langfristig solche Entwicklungen leisten, heißt es in der Branche. Bei vielen Zulieferern ist die Kapitaldecke zu dünn. Ihnen fehlt das Geld für die Vorfinanzierung.

Banken zeigen die kalte Schulter

Die Banken zeigen zudem den Mittelständlern zunehmend die kalte Schulter. Mit Sorgen blickt die Branche in die Zukunft, in denen sich das Problem noch verschärfen wird. Nach der Studie von Roland Berger soll der Anteil der Zulieferer an den Entwicklungskosten bis 2010 von heute 33 % auf über 50 % wachsen. Die Zulieferer haben beim Verband der Automobilindustrie einen Forderungskatalog an die Hersteller vorgelegt. Sie verlangen, dass ihnen keine zusätzlichen Lasten und Risiken aufgebürdet werden. Eine Kernforderung: die separate Bezahlung der Entwicklungskosten.

Doch die Proteste der Zulieferer finden wenig Gehör bei den Herstellern. "Ich sehe die Problematik", erklärt zwar Johannes Rudnitzki, Vorsitzender des VDA-Rohstoffausschusses. Rudnitzki, im Hauptberuf Einkaufschef bei Daimler-Chrysler für die Mercedes-Pkw, erteilt Erwartungen, dass die Entwicklungskosten in vielen Fällen beim Serienanlauf bezahlt werden könnten, aber eine klare Absage: "Ich sehe wenig Spielraum für Alternativen."

Für ihn liegt die Lösung des Konflikts woanders. "Die Zulieferer müssen professioneller mit dem Thema Finanzierbarkeit umgehen", fordert er. Sie müssten sich fokussieren und ihre Mittel strategisch besser einsetzen. Für Automobilprofessor Ferdinand Dudenhöffer machen es sich die Autohersteller damit bequem: "Das ist ein geringer Trost für die Zulieferer in ihrer schon prekären Lage."

Auswege händeringend gesucht

Eine Reihe von Teileherstellern sucht deshalb händeringend nach Auswegen. Klimaanlagen-Spezialist Behr hat ein für 10 Mill. Euro entwickeltes Kühlmodul an eine Leasingfirma verkauft und zurückgemietet. Damit flossen die Mittel schon zu Beginn der Serienproduktion zurück. Die Landesbank Baden-Württemberg und die Industriekreditbank in Düsseldorf tüfteln an Lösungen: Die Zulieferer gründen mit Banken Projektgesellschaften zur Finanzierung der Entwicklung außerhalb der Bilanz. Die Kreditlinien werden nicht zusätzlich belastet.

Doch auch bei solchen Konstruktionen müssen die Hersteller mitspielen. Die Banken brauchen klare Angaben der Konzerne über Mindestmengen und Regelungen über eine Erstattung bei deutlichen Unterschreitungen. Hier aber halten sich die Hersteller bisher zurück: "Stückzahlgarantien sind aus Herstellersicht abzulehnen", sagt Rudnitzki. Automobilprofessor Dudenhöffer sieht nur einen Ausweg aus der Ohnmacht der Zulieferer: Sie sollten sich vom Hersteller emanzipieren und die Entwicklungskapazitäten darauf konzentrieren, was der Autofahrer wirklich will.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%