Hohe Erdölpreise sind für die Weltkonjunktur Gift
Kommentar: Die Opec steht vor einer Bewährungsprobe

HB DÜSSELDORF. Die vor 41 Jahren gegründete Organisation der Erdöl exportierenden Staaten (Opec) ist nach vielen Jahren der Ohnmacht wieder zu einer starken Allianz geworden. Wenn sich die Ölminister der Organisation am Mittwoch in Wien treffen, stehen sie im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Die Phase der Verdrängung von Opec-Öl ist vorbei. Die Petrodollar fließen reichlich. Das soll auch so bleiben; darin sind sich die elf Kartellmitglieder einig. Damit aber die Mineralöleinnahmen sprudeln, müssen sie den Weltmarkt mit ausreichend Öl versorgen und die Konkurrenzfähigkeit dieses Energieträgers dauerhaft sichern.

Die Opec-Staaten haben aus der Vergangenheit gelernt. Ölpreisschübe, die in den 70er- und frühen 80er-Jahren weltwirtschaftliche Turbulenzen verursachten, wollen sie vermeiden. Das Opec-Öl wurde damals viel zu teuer und verlor so Marktanteile an Energieproduzenten außerhalb des Kartells. Der Anteil der Opec an der Erdölproduktion rutschte nach den Ölpreisdiktaten 1973/74 und 1979/81 von einstmals beinahe 55 Prozent auf nur noch knapp 30 Prozent. Mittlerweile ist er wieder auf mehr als 40 Prozent gewachsen. Von den Erdölexporten entfallen sogar mehr als 60 Prozent auf die Opec.

Im Kartelllager hat ein totales Umdenken eingesetzt. Die Mehrzahl der Ölminister ist zu international erprobten Ölmanagern geworden. Die Kalkulierbarkeit hat erheblich zugenommen. Die arabischen Opec-Mitglieder sehen im Gegensatz zu den 70er-Jahren in der Ölwaffe kein taugliches Instrument mehr, um das Palästinenser- Problem zu lösen.

Die Opec verfolgt nur noch wirtschaftliche Ziele

Die grundlegenden politischen Differenzen innerhalb der Organisation haben dazu geführt, dass die Opec nur noch wirtschaftliche Ziele verfolgt. Sie will den Weltölmarkt stabilisieren und Erdölpreise sichern, die den Energieträger als solchen und vor allem das eigene Öl konkurrenzfähig erhalten. Die Weltkonjunktur und damit die globale Ölnachfrage sollen wachsen.

Dieses löbliche Ziel formulieren die Ölminister nicht nur in Sonntagsreden, sondern setzten es zuletzt auch meistens um. Die Krise nach den Terroranschlägen in den USA wird nun zur Nagelprobe: Werden die Opec-Staaten ihre Verantwortung für die Weltkonjunktur auch in politischen Krisenzeiten wahrnehmen? Bundeswirtschaftsminister Werner Müller lobte die Mitglieder der Organisation für ihre Zusicherung ausreichender Öllieferungen unmittelbar nach den Terrorakten. Nun müssen aber die Taten folgen.

In Wien müssen die Ölminister auf der Halbjahrestagung nicht nur die Produktionsquoten, sondern auch die Preisziele konjunkturverträglich ausloten. Bisher beläuft sich der von der Opec angepeilte Preiskorridor auf 22 bis 28 Dollar je Barrel (159 Liter) Öl, wobei die oberen Werte favorisiert werden. Dieser Korbpreis für sieben Referenzöle schwankte im Durchschnitt der ersten acht Monate um die 25-Dollar-Marke und ist zuletzt trotz der politischen Eskalation sogar leicht gesunken. Die Kartellmitglieder haben durch drei konzertierte Produktionsdrosselungen im laufenden Jahr trotz eines deutlich langsamer wachsenden Ölverbrauchs die Rohölpreise stabilisiert.

Sorge vor Lieferengpässen wächst

Nun steht jedoch die Deckung des saisonal höheren Winterbedarfs bevor. Die weltweiten Mineralölbestände liegen relativ niedrig. Die Sorge wächst, dass Terrorakte in den kommenden Wochen und Monaten Lieferstörungen verursachen könnten. In solch einer labilen Konstellation reicht es nicht aus, wenn die Opec-Staaten auf die freien Kapazitätsreserven - immerhin acht Prozent des globalen Ölverbrauchs - verweisen. 85 Prozent der ungenutzten Fördermöglichkeiten sind nämlich auf die Golfanrainer konzentriert und damit politisch besonders gefährdet.

Die Opec wäre in Wien gut beraten, wenn sie ihre Produktions- und Preisziele flexibler formulieren würde. Um den Weltölmarkt nachhaltig zu beruhigen, sollte sie zumindest die letzte Angebotsdrosselung aufheben, die seit Anfang September gilt. So würde sie zusätzlich eine Million Barrel pro Tag freigeben - etwas mehr als ein Prozent des Weltölbedarfs - und das Vertrauen in die eigene Zuverlässigkeit verstärken.

Für die Konsolidierung der Weltkonjunktur, aber auch für die langfristige Absatzposition der Opec sind moderate Ölpreisabschläge wichtig; Ölnotierungen von 30 Dollar und mehr sind dagegen Gift. Sicher ist, dass die Welt auf (arabisches) Opec-Öl auf absehbare Zeit nicht verzichten kann. Die Erfahrungen der 70er-Jahre mit der Ölwaffe haben aber gezeigt, dass die Abnehmerstaaten ihre Abhängigkeit vom Öl durch Energiesparen und Diversifizierung der Energiebezüge senken können. Die Regierungen der Industrieländer müssen allerdings begreifen, dass sie alle marktreifen Energietechniken nutzen müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Politisch motivierte Ausstiege aus einzelnen Energieträgern verbieten sich geradezu.

Die Opec muss auf ihrer Tagung in Wien mehr Flexibilität beweisen.

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