Hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse und steuerliche Anreize machen die Rally zu einem Wagnis
Experten fürchten Rückschläge an der Nasdaq

Die Anzeichen für eine wirtschaftliche Erholung in den USA beflügeln vor allem die Technologieaktien. Angesichts immer noch sinkender Firmengewinne ist jedoch Vorsicht angebracht. Strategen warnen vor einer Korrektur und fürchten, dass die Börse zu viel Optimismus vorweg nimmt.

SAN FRANCISCO/NEW YORK. Monatelang gab es nichts als schlechte Nachrichten aus dem Technologie-Sektor. Doch seit rund zehn Wochen tendieren Aktien von Softwareherstellern, Chipproduzenten, Netzwerkausrüstern und Online- Händlern nach oben. Die Nasdaq zeigt seit Ende September Kursgewinne von rund 35%. Halbleiterhersteller Intel führt das Comeback an. Seit dem Tiefstand am 21. September legte die Aktie mehr als 60% zu. Selbst Aktien von Internet-Dienstleistern haben Auftrieb: So stieg der Dow Jones Internet-Dienstleistungsindex im vergangenen Monat um knapp 20 %, der Index der Online-Händler legte knapp 15 % zu.

Technologiewerte sind traditionell die Vorboten für einen wirtschaftlichen Aufschwung, profitieren sie doch früher als andere Sektoren von einer anziehenden Konjunktur. "Die Erwartungen einer gesamtwirtschaftlichen Erholung wirken sich positiv auf den Technologie-Sektor aus", sagt John Ryding, Ökonom beim Investmenthaus Bear Stearns. Ryding glaubt, dass der Aufschwung, den er für das erste Quartal des nächsten Jahres erwartet, in den Aktienkursen von Soft- und Hardwareherstellern bereits vorweg genommen wird. Das sei nicht ungefährlich, meint Ryding. "Schließlich haben wir noch keine konkreten Anzeichen für eine konjunkturelle Wende gesehen."

Gefahr einer Spekulationsblase nicht auszuschließen

Zwar glaubt Ryding, dass die Nachfrage nach Technologieprodukten in den nächsten Monaten wachsen wird. "Die Wachstumsraten von vor eineinhalb Jahren werden wir aber kaum wieder erreichen", warnt er. Die Gefahr einer neuen Spekulationsblase sei also nicht auszuschließen. Zumal die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) im historischen Vergleich noch außerordentlich hoch sind. Der S&P-500-Index steht immer noch beim 35fachen der letztjährigen Gewinne. In der letzten Rezession Anfang der 90er Jahre sank das KGV deutlich unter 20. Die Diskrepanz erklärt sich zu vor allem dadurch, dass die Unternehmensgewinne noch stärker als die Aktienkurse gefallen sind. Der Finanzinformationsdienst Thomson Financial/First Call rechnet für das letzte Quartal dieses Jahres mit einem weiteren Rückgang der Firmengewinne um mehr als 17%. Ein Ertragswachstum ist demnach erst im zweiten Quartal 2002 zu erwarten.

"Die Märkte eilen den Geschehnissen weit voraus", warnt Stephen Levy, Direktor des "Center for the Continuing Study of the California Economy", "die Erholung der Technologiefirmen wird in sechs Monaten noch nicht einmal begonnen haben." Steven Milunovich, Technologie-Stratege beim Investmenthaus Merrill Lynch, glaubt nicht, dass die Technologieaktien derzeit eine gute Investition sind: "Es ist immer noch ein Bärenmarkt, was wir jetzt sehen, ist eine Bärenmarkt-Rally", sagt er. Hoffnungen, dass der Boden im Tech-Sektor jetzt erreicht ist, will Milunovich nicht teilen.

Keine baldige Erholung bei Telekom-Ausrüstern

Besonders lange wird nach Meinung der Experten die Erholung bei Telekom-Ausrüstern wie Lucent und Nortel auf sich warten lassen. Paul Sagawa, Analyst beim Investmenthaus Sanford Bernstein & Co. glaubt, dass die Nachfrage in dieser Branche im vierten Quartal 2001 um 40% hinter dem ersten Quartal des Jahres zurückbleibt. Die Investmenthäuser Morgan Stanley und ABN Amro haben die Lucent-Anteilsscheine bereits zurück gestuft. Dass die Lucent-Aktien dennoch in den vergangenen Wochen zugelegt haben, führen Analysten darauf zurück, dass die Aktie nach dem dramatischen Kursverfall nicht viel weiter fallen konnte.

Doch auch unabhängig aller Bewertungen ist eine Jahresend-Rally unsicher. Investoren, die ihre Verluste steuerlich geltend machen wollen, müssen ihre Aktien in den kommenden Wochen verkaufen. Fast jeder Anleger hat Aktien im Depot, die sich für ein entsprechendes Geschäft eignen. Doch auch Technologiefonds eignen sich gut für steuerlich wirksame Verkäufe: Sie sind seit Jahresbeginn durchschnittlich 49% im Minus.

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