Hohe Lohnabschlüsse könnten die Prognosen der Gutachter ins Wanken bringen
OECD rät zu maßvoller Zinssenkung

Wem soll der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) am Mittwoch Vertrauen schenken? Die großen deutschen Forschungsinstitute halten in ihrem Frühjahrsgutachten eine Senkung der Leitzinsen durch die EZB um 50 Basispunkte für gerechtfertigt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, OECD, ist weniger aggressiv.

FRANKFURT/M. Nach ihrer Ansicht ist nur bei einer weiteren Verschlechterung der weltwirtschaftlichen Lage eine Leitzinssenkung um mehr als 25 Basispunkte notwendig. Das geht aus einem neuen Bericht zur wirtschaftlichen Lage im Euro-Raum hervor, den die OECD mit Stand Mitte März erarbeitet hat.

Von den Wachstumsprognosen her unterscheiden sich beide Institutionen kaum: Die OECD hat ihre Prognose für 2001 für den Euro-Raum von 3,1 auf 2,7 % revidiert, die Institute von 2,8 auf 2,6 %. Beide Institutionen erwarten damit, dass die Euro-Wirtschaft in diesem Jahr nahe am Produktionspotenzial wächst und insoweit kein Inflationsdruck droht. Freilich erinnert zumindest die OECD die EZB daran, sorgfältig zu prüfen, ob sich das Produktionspotenzial im Euro-Raum erhöht habe. Das ließe angesichts der vorausgesagten Verlangsamung der Konjunktur mehr Raum für Zinssenkungen.

Beide Wachstumprognosen stimmen darin überein, dass dem Euro-Raum "derzeit keine nachhaltige und ausgeprägte Abschwächung bevorsteht". So heißt es im Geschäftsbericht 2000 der Deutschen Bundesbank. Zu berücksichtigen ist freilich, dass Institute und OECD die erwarteten Zinssenkungen schon in ihre Prognosen einrechnen. Ohne Zinssenkung, so ist zu schließen, dürfte das Wachstum leicht schwächer ausfallen.

Die Institute werten ein Minus von 50 Basispunkten bei den Zinsen als gerechtfertigt, weil ansonsten die Expansion der Geldmenge unter das stabilitätsgerechte Maß sinken würde. Dabei halten die Institute die Gefahr einer anhaltend hohen Inflationsrate zwar noch nicht für gebannt. Sie verweisen auf Risiken aus den aktuellen Nahrungsmittelskandalen. Die Forscher sind aber zuversichtlich, dass diese zeitweisen Preiseffekte nicht zu übertriebenen Lohnerhöhungen führen: Realeinkommensverluste seien hinzunehmen, schreiben die Ökonomen.

Sie sind voller Zuversicht, dass dies gelingen wird. Ein Zinsschritt um 50 Basispunkte sei nur eine geringfügige monetäre Lockerung. Diese gebe den Tarifparteien kein falsches Signal, geht aus dem Frühjahrsgutachten hervor.

Die OECD-Ökonomen in Paris sind da weitaus vorsichtiger: Wiederholt erinnern sie daran, dass es nach wie vor unsicher sei, ob die Lohnabschlüsse in den anstehenden Tarifrunden im Euro- Raum nicht doch zu hoch ausfielen. Geschehe dies als Folge vergangener Ölpreiserhöhungen, könnte die - harmonisiert gemessene - Teuerungsrate in diesem Jahr einen halben Prozentpunkt höher als erwartet ausfallen, heißt es. Damit würde die Teuerung im Jahresdurchschnitt immer noch bei deutlich über 2 % verharren (2000: 2,3 %). Auch die EZB hat bis zuletzt immer auf solche Risiken einer Ölpreis-Lohn-Spirale hingewiesen. Im Jahresbericht der Bundesbank heißt es dazu, bislang seien die "Zweitrundeneffekte ausgeblieben".

Die deutschen Institute wie die Pariser OECD sehen geldpolitische Verantwortung im Übrigen nicht nur bei der EZB, sondern auch bei den Regierungen: Sie mahnen einen glaubwürdigen Kurs der fiskalpolitischen Konsolidierung an, der der EZB das Leben leichter mache. Darin wird die EZB den Gutachtern folgen können. Auch einen anderen Rat der deutschen Institute dürfte sie sich zu Herzen nehmen: Die Zinssenkungen der US-Notenbank Fed seien für sich genommen kein Grund für die Euro-Bank, heißt es im Frühjahrsgutachten, gleichfalls mit den Zinsen nach unten zu gehen. Entscheidend für die EZB sei allein die Wahrung der Preisstabilität im Euro-Raum.

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