Hohe Nachfrage treibt Kurse und drückt Renditen
Anleger erwärmen sich für Gazprom-Anleihe

Der Gasriese Gazprom langt kräftig hin. Mit einem Wert von 1,75 Milliarden Dollar hat er den größten Unternehmensbond in den Schwellenländern auf den Markt gebracht. Während Konzerne wie Thyssen-Krupp bei den Ratingagenturen unter die Räder kommen, steigen Bewertungen russischer Anleihen.

MOSKAU. Die Aktienbaisse veranlasst Anleger verstärkt, nach Alternativen Ausschau zu halten: Russische Firmenanleihen verkaufen sich besonders gut, obwohl sie als Zockerpapiere gelten - noch. So konnte sich der Gasgigant Gazprom vor Nachfrage kaum retten, als er am vergangenen Freitag seinen Zehn-Jahres-Eurobond platzierte: Die Anleihe mit einer Verzinsung von 9,625 % wurde in einer Größenordnung von 1,75 Mrd. $ emittiert. Ursprünglich waren nur Bonds für 1 Mrd. $ geplant. Aber die Investoren hatten Gebote für 6 Mrd. $ eingereicht. Damit seien russische Unternehmen endgültig wieder zurück auf den internationalen Finanzmärkten, nur viereinhalb Jahre nach der verheerenden russischen Finanzkrise, meint Christian Schiweck von der Deka in Frankfurt.

Tatsächlich ergießt sich eine wahre Flut so genannter Eurobonds von russischen Firmen auf die Finanzmärkte: Der an West-Börsen gehandelte größte russische Saft- und Milch-Produzent Wimm-Bill-Dann, der Diamantenförderer Alrosa, der Misch- und Telekommunikationskonzern AFK Sistema, die Bank Zenit und die Außenhandelsbank Vneshtorgbank haben konkrete Bond-Pläne für dieses Jahr.

Bereits 2002 hatten russische Unternehmen die Emission von Eurobonds in den westlichen Finanzmärkten mit 3,7 Mrd. $ gegenüber dem Vorjahreszeitraum verdreifacht. Dabei erlebten russische Anleihen durch die kurstreibende Nachfrage einen ungeahnten Rückgang der Renditen. Der mit 12,75 % verzinste Bond des staatlichen Ölkonzerns Rosneft notiert inzwischen bei über 115 %, die 30-jährige Staatsanleihe legte binnen eines halben Jahres um 22 % zu. Die Zinsaufschläge (Spreads) schmolzen entsprechend deutlich ab, etwa gegenüber Bundesanleihen. Beispiel Gazprom: Seine im vorigen Oktober emittierte Sieben-Jahres-Anleihe wird noch mit 10,5 % verzinst; der jüngste, drei Jahre länger laufende Bond konnte trotz kurz zuvor gemeldeten Gewinneinbruchs wegen der hohen Nachfrage mit 9,625 % ausgegeben werden.

Zeitgleich stiegen russische Anleihen ein halbes Dutzend Bewertungsschritte bei den internationalen Ratingagenturen. (s. Tabelle) Die russischen Staatspapiere wurden von Moody?s im Dezember auf "Ba2" angehoben; Fitch bewertet sie mit "BB-" und Standard & Poor?s inzwischen mit "BB". Das sind nur noch zwei Stufen unter dem so genannten Investment-Grad, ab dem internationale Fonds massenhaft in solche Papiere investieren dürfen.

Um die Prädikatsnoten zu erhalten, müsse "die russische Wirtschaft mehr diversifiziert und weniger abhängig vom Ölpreis werden", sagt Konrad Reuss von S&P. Russische Analysten rechnen mit der nächsten Hochstufung der "roten Bonds" auch erst für die Zeit nach der Parlamentswahl im Dezember oder gar nach der Präsidentenwahl im März 2004. Gazprom ist mit "B+" zudem noch vier Stufen vom Investment-Rating entfernt.

Haushaltsüberschüsse, hohes Wirtschaftswachstum sowie Gold- und Devisenreserven auf Rekordniveau geben russischen Papieren aus Sicht vieler Investoren Sicherheit, auch wenn der Staat erheblichen Schuldendienst leisten muss. "Sogar Mainstream-Investoren können heute mit dem russischen Risiko leben", meint Rob Drijkoningen von ING Investment Management.

Doch auch Russen kaufen jetzt häufiger Firmenanleihen. So hat das staatliche, zweitgrößte Kreditinstitut Russlands, Vneshtorgbank, seit diesem Jahr erstmals Eurobonds russischer Unternehmen in ihren Safes und macht damit einen täglichen Umsatz von 200 Mill. $. Die Moskauer Investmentbank Nikoil hat ihre Eurobond-Bestände seit 2001 fast verdreifacht.

Dabei hatte sich Vizefinanzminister Sergej Kolotuchin noch im Dezember besorgt über das Anschnellen der Verschuldung russischer Konzerne im Ausland geäußert. Zudem heißt es in internen Papieren von Gazprom warnend, dass der maximal mögliche Schuldenstand erreicht sei. Allerdings will der Gasriese, der auf einem Fünftel der weltweiten Erdgasreserven sitzt, seine Verbindlichkeiten in diesem Jahr von 13,2 auf 10,5 Mrd. $ reduzieren. Ein ähnlicher Versuch war im vorigen Jahr allerdings gescheitert.

Vneshtorgbank-Vize Alexej Akinschin meint: "Wenn Gazprom besser arbeiten würde, bräuchte sie weniger Schulden zu machen." Investoren scheint das nicht zu schrecken: Der Kurs des neuesten Gazprom-Bonds stieg gleich von 100 auf 102,75 %.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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