Hohe Schulden, schlechte Ratings
Hohe Wogen in der US-Telekommunikation

Die Welle der schlechten Nachrichten in der amerikanischen Telekommunikationsindustrie reisst nicht ab. In den vergangenen Wochen haben Global Crossing und Williams Communications Insolvenz angemeldet. Selbst Giganten wie Sprint, MCI/Worldcom und Qwest stossen auf Schwierigkeiten bei der Refinanzierung ihrer Schulden am Kapitalmarkt.

Inzwischen dominieren wieder die Nachfolgeorganisationen der 1984 zerschlagenen "Ma Bell" (alias AT&T) den Markt. Erste Gesetzesinitiativen künden eine Rückkehr zur Monopolkultur im Festnetz an. Beim Mobilfunk hingegen tobt der Konkurrenzkampf. Nachzügler Voicestream, Tochter der T-Mobil, versucht mit dem "Qualitätsnetz GSM" ein Differenzierungsmerkmal aufbauen.

Der Finanzkollaps der Telekommunikation

Neben dem Internetboom war die Telekommunikation bis zum Jahr 2000 der zentrale Wachstumsmotor für die High-Tech Industrie hier im Silicon Valley. Daher sind hiesige Geschäftsentwikdlungen und Aktienkurse stark von der Entwicklung der Telekombranche abhängig. Momentan überwiegen die Hiobsbotschaften.

Im Gegensatz zu Technologie- und Internetunternehmen war die Telekommunikations-branche nicht nur vom Aktienmarkt, sondern insbesondere vom Kreditmarkt finanziert worden. Als die teuren europäischen UMTS-Lizenzen eine Überprüfung der Kreditwürdigkeit der ganzen Industrie auslösten, setzte die Abwärtsspirale ein: Herabgestufte "Credit Ratings" trieben die Zinszahlungen der hochverschuldeten Branche in die Höhe. Schnell verlor auch der Aktienmarkt den Appetit. Zahlungsunfähigkeiten waren die Folge, welche die Ratings der Industrie weiter verschlechterten. Bereits Mitte letzten Jahres war abzusehen, dass viele Telekommunikationsunternehmen Zuflucht unter "Chapter 11" des US-amerikanischen Insolvenzrechts suchen würden, um ihre Schuldzahlungen auszusetzen.

Die Enron-Krise hat diese Situation nochmals angeheizt, da sich herausgestellt hat, dass die Buchhaltung einiger Kommunikationsunternehmen nicht ganz lupenrein ist. So werden künftige Erlöse von einigen Netzwerkkontrakten mit anderen Unternehmen bei Unterschrift voll gebucht. Besonders fragwürdig ist eine solche Praxis, wenn ein "Tausch" von Kapazität die Profite beider Partner aufbläht. Dies wird inzwischen bei Global Crossing und anderen geprüft.

In den letzten Wochen haben die Liquiditätsengpässe auch Sprint und Qwest erreicht, welche mit Kirch?schem Eifer mit dem Banken verhandeln. Selbst beim legendären Worldcom-Gründer Bernard Ebbers wird bereits öffentlich über den Verkauf seiner kanadischen Mega-Ranch spekuliert.

Zurück zu Monopolen?

Die Stars der Telekommunikationsszene sind die Nachfolgeorganisationen des früheren Monopolisten AT&T ("Ma Bell"). Nach den Konsolidierungen der letzten Jahren sind dies SBC, Verizon, Bell South und US West (letztere als Teil von Qwest), und bis zu einem gewissen Grade auch die geschwächte heutige AT&T. SBC wurde gerade von der renommierten Wirtschaftszeitschrift "Fortune Magazine" zum fünften Mal in Folge zur "worldwide most admired company in telecommunications" gekürt. Obgleich die Kriterien hierfür beispielsweise auch "Soziale Verantwortung" umfassen, ist der finanzielle Erfolg eine "Conditio, sine qua non" und diesmal wurde - ganz unamerikanisch - die konservative Finanzpolitik besonders hervorgehoben.

Da mag es nicht verwundern, daß die Bell-Lobby einen stolzen Erfolg im Unterhaus erringen konnte. Mit deutlicher Mehrheit wurde vor ein paar Tagen der suggestiv benannte "Internet Freedom and Broadband Deregulation Act" (alias "Tanzin-Dingel Bill") verabschiedet. Dieser sieht im wesentlichen vor, den Zugang von Wettbewerbern zum Festnetz wieder deutlich zu erschweren. Zudem sollen die Baby Bells Ferngespräche anbieten dürfen, noch bevor sie den lokalen Markt geöffnet haben.

Besonders interessant ist die Kernargumentation für den Gesetzentwurf: Den Baby Bells müsste ein regulativer Investitionsanreiz gewährt werden, so dass sie die Wirtschaft ankurbeln könnten. Das schien das House of Representatives letztlich mehr zu überzeugen als die Not, welche die Wettbewerber schon unter bestehenden Bedingungen leiden. Selbst die Kabelunternehmen, im Entwurf besonders angekreidet, sind noch dabei, im Breitbandbereich das Verschwinden von Excite@Home zu verdauen. Bei letzterem wurden am letzten Donnerstag hier im Valley buchstäblich die letzten Lichter gelöscht. Allerdings hat der Senat heftigen Widerstand gegen die Tanzin-Dingel Bill angekündigt, und so ist es noch ein weiter Weg bis zur ihrer tatsächlichen Ratifizierung.

Und was macht der Mobilfunk?

Im Vergleich zu Europa sind die führenden Mobilfunkuntenehmen in den USA finanziell einigermaßen gesund. Keines musste sich für teure UMTS-Lizenzen verschulden und auch die Investitionen in die Infrastruktur der dritten Generation hat noch nicht begonnen. Statt dessen ist das analoge Netz ist noch immer Lückenfüller für digitale Löcher. Andererseits tobt auch hier der Preiskrieg zwischen den Anbietern der zweiten Generation und begrenzt ihre derzeitige Investitionsfähigkeit.

Deutsche Leser mag die Situation von Voicestream, Teil von T-Mobil, besonders interessieren. Die Amerikaner waren ja ziemlich kreativ in der Bewertung von Voicesteam gewesen, welches - wohl einzigartig in der Branche - nicht auf Basis existierender Kunden, sondern auf Basis des künftigen Kundenpotentials bewertet worden war. Doch es hätte die deutschen Investoren auch schlimmer treffen können: Wäre die Deutsche Telekom vormals bei Qwest (ohne US West!) zum Zug gekommen, stünde sie heute bereits vor einer Investitionsruine.

Nichtsdestotrotz muss Voicestream jetzt die Aufholjagd bei den Kunden gewinnen. Es war zunächst in einer ähnlichen Situation wie einst E-Plus in Deutschland: Als Spätstarter am Markt, mit innovativen Marketingideen aber einem zunächst lückenhaften Netz, musste es die nur bedingt lukrativen späten Kundensegmente erschließen. Inzwischen hat sich die Situation insofern gewandelt, als Voicestream durch eine Allianz mit Cingular flächendeckend vertreten ist. Und seine GSM-Technologie wandelt sich zum Wettbewerbsvorteil: Einst war GSM in den USA als veraltete Technologie verschrien ("Kein Land der Welt, welches seine digitale Mobilfunktechnologie frei wählen durfte, entschied sich für GSM" lautete vor ein paar Jahren der Slogan). Inzwischen gilt GSM als eine "Qualitätstechnologie" mit Smartcard, SMS, weltweit funktionierenden Telefonen und ersten Datendiensten. Anbieter von TDMA - einem anderen digitalen Standard - steigen inzwischen reihenweise auf GSM um. Voicestream hat jedoch das einzige reine GSM-Netz und damit die Chance, dies zum Aufstieg in lukrative Kundensegmente zu nutzen.

Und der Kunde?

Man kann die Tumulte in der Telekommunikationsindustrie so ziemlich jedem vorwerfen, nur einem nicht: dem Endkunden. Er konsummierte in den letzten Jahren eigentlich genau das, was man von ihm erwarten konnte. Er akzeptierte selbst mobile Netze von zweifelhafter Qualität. Der amerikanische Konsument, die tragende Säule der Wirtschaft, hält auch die Telekommunikation auf den Beinen. Mit ihm sollte letztlich auch dieser Sturm gemeistert werden.

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