Hohe Schulden und Werbeflaute lasten schwer
Medienbranche lässt die Anleger zittern

Die Aktien von Medienkonzernen sind im Keller. Die schwache Konjunktur verdirbt den Unternehmen das Ergebnis, weil die Werbeeinnahmen wegbrechen. Erste kleine Hoffnungszeichen gibt es in den USA. Noch ist es aber zu früh, um dort von einer Erholung zu sprechen. In Europa ist es noch lange nicht so weit.

FRANKFURT/M. Die Medienbranche schaut gebannt nach Amerika: Mittwoch legt der Branchenprimus AOL Time Warner seine Halbjahreszahlen vor, Donnerstag folgt Erzrivale Viacom. Während Experten bei Viacom keine bösen Überraschungen erwarten, traut sich bei AOL keiner eine Prognose zu. Bereits im Vorfeld hatte der 2001 aus dem Online-Dienst AOL und Time Warner entstandene Großkonzern für Schlagzeilen gesorgt: AOL-Topmanager Robert Pittman musste seinen Stuhl räumen, gleichzeitig berichtete die Washington Post über angebliche Bilanztricksereien des Konzerns - Nachrichten, die am Markt für Unsicherheit sorgten.

Die Verunsicherung lässt sich ohne weiteres auf den gesamten Sektor übertragen. Hohe Schulden und ausbleibende Werbeeinnahmen belasten Medienkonzerne weltweit und haben deren Börsenkurse in den Keller gedrückt. Der Branchenindex MSCI World Media hat seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent an Wert verloren. Die Papiere von AOL Time Warner hat es noch schlimmer erwischt. Sie mussten mehr als 60 Prozent abgeben.

Ohne fremde Hilfe wird der Mediensektor das Tief nicht überwinden, glaubt Stephan Eger, Fondsmanager des dit-Medienfonds. "Solange sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld und das Börsenklima nicht bessert, bleiben auch die Medienwerte im Keller." Dabei deuten steigende Werbeumsätze in den USA auf eine erste kleine Erholung des Sektors. Sollten die Aktienmärkte drehen, sieht Eger entsprechend Potenzial für Medientitel: "Viele Werte sind heute bereits attraktiv bewertet." Sein Favorit unter den Branchengrößen ist die australische News Corp. Im Gegensatz zu den Konkurrenten - allen voran AOL und Disney - habe das Unternehmen von Rupert Murdoch eine geringe Verschuldung. "Gut gefällt mir außerdem, dass News Corp. ständig weiter in sein Portfolio investiert." Optimistisch ist Eger auch für Viacom gestimmt. Der Konzern verfüge über ein gutes Beteiligungsportfolio und baue konsequent Schulden ab. Bei einem Kurs unter 36 Euro sieht Eger Viacom als Kauf. Dagegen bleibt er bei AOL Time Warner vorsichtig: "Nach den Ereignissen der vergangenen Woche ist der Markt sehr verunsichert." Grundsätzlich sei aber auch AOL nicht mehr teuer.

Vivendi: spekulativ

Einen anderen Favoriten nennt Florian Leinauer, Medienanalyst bei Helaba Trust - er setzt auf Vivendi Universal: "Es scheint, dass die kurzfristigen Liquiditätsprobleme des Konzerns gelöst werden könnten", erklärt Leinauer. Allerdings sei die Empfehlung kurzfristig und spekulativ: "Kursziel sind 30 Euro. Wenn die Aktie diese erreicht, sollten die Anleger wieder rausgehen."

Außer den Franzosen sieht Leinauer in Europa kaum Kandidaten mit Potenzial. Wenig Vertrauen hat er insbesondere in die britischen Medienwerte: "Ich würde BSkyB und Pearson untergewichten." Zwar sei BSkyB unter den europäischen Pay-TV-Betreibern der Erfolgreichste. Allerdings könne auch diese Stellung die derzeitige Bewertung nicht rechtfertigen, zumal er für den britischen Pay-TV-Markt demnächst Sättigungstendenzen erwarte. Die Mediengruppe Pearson sei hoch verschuldet und werde von der konjunkturellen Lage hart getroffen.

Noch schlimmer dürfte die Lage beim Nachrichtenkonzern Reuters sein, der im ersten Halbjahr erstmals seit dem Börsengang 1984 einen Verlust erwirtschaftete. Viel Rückschlagpotenzial sieht Analyst Leinauer bei Reuters allerdings nicht mehr: "Bei einem Kurs von 300 Pence sollten die schlechten Nachrichten weitgehend eingepreist sein." Ähnliches gilt für die niederländische Verlagsgruppe VNU, die nach wie vor unter den Einbrüchen im US-Geschäft leidet.

Ganz andere Problemen hatte in den vergangenen Monaten die Pro-Sieben-Sat1-Media, Deutschlands wichtigste börsennotierte Mediengruppe. Nach der Insolvenz der Muttergesellschaft Kirch-Media ist die Zukunft des Senders ungewiss. Im Kurs der Aktie spiegelt sich das jedoch nicht wieder - der Kurs konnte seit Jahresbeginn sogar zulegen.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%