Hohe Verlustwahrscheinlichkeit bei Turbo-Zertifikaten
Turbo-Spekulanten droht der Knockout

Unter einem Knockout-Treffer versteht das Lexikon einen "Boxschlag, der dazu führt, dass der Gegner kampfunfähig und besiegt ist". Allzu mutige Spekulanten mussten jüngst ähnliche Treffer einstecken: Sie hatten mit einem extrem risikoreich ausgestatteten Derivat, einem Turbozertifikat, darauf gesetzt, dass sich der Kurs des Handybauers Nokia erholen würde. Doch es kam anders: Die Aktie sackte weiter ab, und das Zertifikat verfiel von einem auf den anderen Tag annähernd wertlos.

Die hohe Verlustgefahr schockt offenbar wenige Anleger: Nach Angaben der Emittenten sind es vor allem die spekulativsten Varianten der Zertifikate, die nachgefragt werden. "Viele Käufer sehen offenbar das damit verbundene Risiko nicht. Vielleicht verstehen sie auch die Produkte einfach nicht", kommentiert Florian Schopf von der Optionsscheinbörse Euwax das Anlegerverhalten. Unklar sind oft auch die Besonderheiten, mit denen die verschiedenen Emittenten ihre Produkte ausstatten. Bislang bieten fünf Banken Hebel-Zertifikate an.

Die Funktionsweise der Turbos

Die grundsätzliche Funktionsweise ist dabei in allen Fällen gleich: Wer ein Hebel-Zertifikat auf einen steigenden Dax etwa mit einer Basis von 4 500 kauft, zahlt bei einem Dax-Stand von 5 171 Punkten 6,71 Euro (entsprechend 671 Punkte bei einem Bezugsverhältnis von 100 : 1). Trotzdem partizipiert er mit dem geringeren Kapitaleinsatz an der Entwicklung des Index, als ob er die kompletten 5 171 Punkte bezahlt hätte. Dadurch entsteht eine Hebelwirkung, die sich natürlich auch bei fallenden Kursen auswirkt. Steigt im Beispiel der Index um ein Prozent, gewinnt das Zertifikat rund sechs Prozent - und umgekehrt! Je näher der Basispreis am Kurs des Basisinstruments liegt, desto größer ist der Hebeleffekt.

So weit ist das Prinzip mit dem klassischer Optionsscheine verwandt, doch anders als bei den Warrants bleibt der Hebel für den Anleger ab dem Zeitpunkt des Kaufes konstant und wird nicht ständig von Volatilität und Restlaufzeit beeinflusst - was vielen Anlegern ein Optionsscheininvestment vermiest.

Ein Aufgeld wird allerdings auch bei den Turbos fällig. Um beim Beispiel zu bleiben: Für das Zertifikat werden nicht 6,71 Euro , sondern etwa 8,60 Euro fällig. Bei der Differenz handelt es sich um die nicht gezahlten Dax-Punkte, die bis zum Ende der Laufzeit über einen Kredit finanziert werden, der natürlich Zinsen kostet. Der Unterschied zum Optionsschein ist aber, dass das Aufgeld relativ gesehen wesentlich geringer ausfällt. So macht sich der tägliche Zeitwertverlust im Kurs nur geringfügig bemerkbar.

Neben dem Spread zwischen Geld- und Briefkurs liegt im Aufgeld auch die Profitspanne vieler Emittenten. Denn sie legen einen höheren Zinssatz zu Grunde als den, zu dem sie das Geld am Geldmarkt aufnehmen können.

Die Tücken der Turbos

Sinkt bei der Bullen-Variante der Kurs des Basiswertes während der Laufzeit unter eine vom Emittenten festgesetzte Schwelle, wird das Papier umgehend wertlos. Hier beginnen aber bereits die Unterschiede der einzelnen Varianten: Bei den meisten Zertifikaten führt selbst ein kurzfristiges Erreichen dieser Marke im Tagesverlauf zur Glattstellung. Bei den Papieren der BNP ist dagegen nur der Xetra-Schlusskurs maßgeblich.

Ein weiteres Merkmal ist die Knockout-Schwelle selbst. ABN Amro und die Commerzbank haben die Marke oberhalb des Basispreises eingezogen. Sie funktioniert dadurch wie ein vorgelagertes Stop-Loss-Limit. ABN Amro zahlt bei Erreichen dieser Marke den verbleibenden Restwert (Aufgeld und Indexpunkte über Basiswert) aus. Bei der Commerzbank entfällt dies komplett. Hintergrund dieses drastischen Vorgehens: Gibt es auf jeden Fall eine Rückzahlung, könnte der Fiskus dies als Garantieprodukt einstufen. Als Folge könnten Verluste steuerlich nicht geltend gemacht werden, Gewinne wären auch nach einem Jahr Haltedauer zu versteuern.

"Die steuerliche Behandlung ist allerdings noch völlig ungeklärt", sagt Euwax-Experte Schopf. Dass die Commerzbank allerdings gar keine Rückzahlung leistet, sorgt bei den Wettbewerbern für Kopfschütteln.

Dagegen ist die Besonderheit bei ABN Amro, dass zum Knockout-Zeitpunkt nicht klar ist, zu welchem Kurs abgerechnet wird. ABN nennt eine Maximalzeit von drei Stunden, in denen das Institut diesen ermitteln will. Für den Anleger bleibt eine gewisse Unsicherheit. Wer diese vermeiden will, sollte sein Stop-Loss-Limit über die K.o.-Schwelle setzen.

Doch auch bei anderen Emittenten sollten Anleger dies beherzigen. So sichern sie sich zumindest ihr Aufgeld. Ansonsten gibt es bei einem K.o. nur die steuerlich relevanten 0,001 Cent zurück. Ausnahme ist die BNP: Sie zahlt das Aufgeld zurück, wenn das Papier an dem Tag verkauft wird, an dem es unter die Schwelle fällt.

Außer Spesen nichts gewesen?

Kurz vor Erreichen dieser Schwelle ist der Hebel allerdings ziemlich groß, was Investoren anlockt, die trotz hoher Verlustwahrscheinlichkeit in die Papiere investieren. Zur Abschreckung und zur Absicherung ihrer Position weiten die Société Générale und die BNP dann ihre Verkaufspreise aus. Für Anleger ist dann oft außer Spesen nichts gewesen.

Experten empfehlen ohnehin, auf solche Papiere zu setzen, deren Ausstiegsschwelle klar unter dem aktuellen Kurs liegt. Der Hebel ist geringer, aber ebenso auch die Gefahr, auf den harten Börsenbretter zu landen.

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