Hohe Vorsorge belastet Gewinne
Deutsche Banken haben Risiken nicht im Griff

Die Kreditwirtschaft muss umsteuern. Bislang kann sie selbst bei strategisch wichtigen Entscheidungen die Risiken kaum zutreffend einschätzen. Experten mahnen einen Kurswechsel an.

nw FRANKFURT/M. Die deutschen Banken haben ihre Risiken nicht im Griff. Dieses vernichtende Urteil fällen Wirtschaftsprüfer und Unternehmensberater. "Keine Bank verfügt wirklich über ein System zur Gesamtbanksteuerung", sagte der Partner einer renommierten Prüfungsgesellschaft. Die Folge: Die Banken müssen ihre Risikovorsorge drastisch erhöhen. Das frisst die Gewinne der Institute auf.

Anders als etwa amerikanische Banken sind deutsche Institute kaum dazu in der Lage, Kosten und Erträge für einzelne Geschäfte exakt zu berechnen, kritisieren Branchenkenner. Die Institute müssten Hunderte Millionen Euro in den Ausbau der Risikosysteme investieren, schätzen die Experten. Nur so könnten sie eine weitere Verschärfung der Situation verhindern.

Es fehlt aber nicht nur an den technischen Voraussetzungen, sondern auch an Personal, besonders für die Überwachung der Kreditrisiken. "Es gibt zu wenige qualifizierte Mitarbeiter, die sowohl das Kreditgeschäft kennen als auch die hohen mathematischen Anforderungen erfüllen", sagte Matthias Scheiff von der Personalberatungsgesellschaft Russell Reynolds.

Die Folgen der Terroranschläge in den USA haben die Versäumnisse offen zu Tage treten lassen. "Der 11. September hat gezeigt, wie die Märkte in extremen Situationen reagieren", sagte Cluse. Für solche Ereignisse seien bestehende Modelle zur Risikosteuerung nicht geeignet. Deutsche Banken konzentrierten sich bei der Risikoüberwachung zu sehr auf Teilbereiche.

Bislang hielten die Banken es für ausreichend, nur in größeren Zeitabständen ihr gesamtes Risiko unter die Lupe zu nehmen, sagte Michael Cluse, Manager der Unternehmensberatung Deloitte&Touche. Statt sich um das große Ganze zu kümmern, hätten sie sich nur mit Detailproblemen befasst - etwa dem Risiko von Krediten oder menschlichem Versagen, sagte Cluse.

In den Augen vieler Branchenbeobachter wird das Problem bei der Deutschen Bank besonders augenfällig. Der deutsche Marktführer musste im vergangenen Jahr drastisch gegensteuern und die Risikovorsorge mehr als verdoppeln. Das hatte rote Zahlen im vierten Quartal zur Folge. Den international hoch angesehenen Risikomanager Thomas R. Fischer hat die Bank verloren. Er verließ im Streit mit dem designierten neuen Chef Josef Ackermann den Vorstand der Deutschen Bank Ende Januar.

Experten kritisieren, dass die Deutsche Bank das Risiko jeder Geschäftseinheit dezentral erfasst. "Dies ist der praktische Weg, um jedes Geschäftsfeld nach Risikokriterien zu steuern", entgegnete ein Sprecher der Bank. Die Hamburger Sparkasse, die größte in Deutschland, steuert ihre Risiken ebenfalls noch getrennt. "Ein Totalmodell ist im Aufbau", sagte ein Sprecher.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%