Hohes Sicherheitsbedürfnis bremst Entwicklung der Konjunktur und Aktienkurse
Welle von Risiken belastet die Börsen

Experten sind sich einig, dass Kriegsängste und Sorgen vor Terror-Attacken die Kurse nur kurzzeitig drücken. Gefährlicher sind langfristige Folgen wie Inflation, weniger Produktivität und höheres Haushaltsdefizit.

DÜSSELDORF. Die Nachricht vom geplanten Anschlag mit einer radioaktiven Bombe schockierte die Börsen weltweit - aber nur kurz. Schließlich gaben die Behörden auch bekannt, dass der Täter längst gefasst ist. Doch die Reaktion verdeutlicht, wie stark die Märkte seit dem 11. September auf Terror-Nachrichten fixiert sind. Ob ein Flugzeugabsturz, dessen Ursache nicht sofort klar ist, ein neues Video über den Terroristenführer Osama Bin Laden oder ein mysteriöser Brief bei einer staatlichen Behörde: häufig erfolgen die Kursausschläge so schnell, dass sie als erstes auf die Meldung aufmerksam machen.

"Der Abwärtstrend an den Märkten kommt in einer gestiegenen Risikoprämie zum Ausdruck. Diese bewegt sich gegenüber Anleihen derzeit am oberen Rand des langfristigen Durchschnitts", sagt Martin Leber von Vontobel Asset Management. Die Risikoprämie ergibt sich aus der Relation von erwarteten Firmengewinnen, dem Indexstand und dem Ertrag aus zehnjährigen Anleihen. Eine hohe Risikoprämie wie 1998 (Asienkrise) deutet auf unterbewertete, eine niedrige Prämie wie zu Zeiten der Internet-Euphorie auf überbewertete Aktien hin. Der Vorteil dieser Rechnungsmethode ist, dass die Firmenerträge nicht für sich betrachtet werden, sondern Alternativanlagen gegenübergestellt werden. "Der Vergleich zeigt, dass die Märkte derzeit nicht überbewertet sind - auch der amerikanische nicht, wie häufig behauptet wird", sagt Leber.

Börsen noch lange unter Druck

Anleger sollten dieses Mal aber auch bei einer weiter steigenden Risikoprämie vorsichtig bleiben. Viele Investmentstrategen sind sich sicher, dass die Börsen noch lange belastet bleiben. Konflikte wie in Nahost und die atomare Bedrohung aus Indien/Pakistan oder die Furcht vor neuen Terror-Anschlägen ziehen die Börsen zwar nur kurzzeitig nach unten, wie eine Handelsblatt-Analyse seit dem 11. September ergab. Äußere Faktoren allein vermochten die Kurse nicht dauerhaft zu drücken. Vielmehr sind die schlechten Erträge vieler Unternehmen verantwortlich. Aber: "Die langfristigen Folgen sind negativ", glaubt Bernd Witt von der BHF-Bank. Sein Szenario deckt sich mit amerikanischen (pessimistischen) Strategen wie Douglas Cliggott von J.P. Morgan.

Das Szenario: Ein wachsendes Sicherheitsbedürfnis rund um den Globus wird in Zukunft nachhaltig die wirtschaftliche Entwicklung bremsen. "Investitionen für mehr Sicherheit sind unproduktiv und Erhaltungs-Subventionen, die das Haushaltsdefizit erhöhen, jedoch wirtschaftlich nicht weiterführen. Es wird nicht in die Zukunft investiert", so Witt. Doch die zusätzlichen und vom Staat getriebenen Ausgaben hätten negative Folgen für die Börsen. Da es nach dieser Argumentation künftig längerfristig an hohem Wachstumspotenzial wie in den neunziger Jahren fehlt, bleiben die Aussichten für Aktien begrenzt. "Die Märkte müssen sich für einen langen Zeitraum neu sortieren. Dazu brauchen sie kalkulierbare Größen, und die haben sie im Moment nicht", meint Witt.

Belastungen durch Bilanz-Skandale

Denn neben den Sorgen um Krieg und Terror belasten Unsicherheiten über die Bilanzen der Unternehmen. "Nach Enronitis erleben wir jetzt die Tyconitis", sieht Gertrud Traud von der Bankgesellschaft Berlin ständig neue Belastungsfaktoren auf die Börse zukommen. Gefälschten Bilanzen beim amerikanischen Energiehändler Enron folgen derzeit Verdächtigungen und Gerüchte, dass auch andere Firmen in der Vergangenheit nicht nur kreativ, sondern kriminell mit ihrem Zahlenwerk umgegangen sind. Der Mischkonzern Tyco steht im Fokus der Anleger, seitdem sich der frühere Konzernchef Dennis Kozlowski wegen Steuerhinterziehung verantworten muss. "Anleger vertrauen den Zahlen nicht mehr. Deshalb werden die Risikoabschläge immer größer", sagt Traud. Die Folge: Ein wachsender Vertrauensschwund an den Börsen.

Doch anders als die Pessimisten, deren Zahl immer größer wird, erwartet Traud schon bald eine Gegenbewegung nach oben: "Noch sind wir in der Kapitulationsphase, in der jeder sieht, dass die Abwärtstrends in Takt sind. Doch wenn eine Reihe von Unternehmen ordentliche Zahlen liefert, werden sich Anleger verstärkt die guten Konjunkturzahlen und die Bewertung des Marktes ansehen", meint Traud. Beide Faktoren stimmen die Strategin optimistisch. Aus Euroland und den USA überwiegen die positiven Frühindikatoren. Und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 15 im Dax ist im historischen Vergleich fast schon billig.

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