Holger Börner ist tot
Ein Rot-Grüner wider Willen

1985 vereidigte Holger Börner Joschka Fischer als hessischen Umweltminister. Zuvor installierte er eine Koalition aus SPD und Grünen im hessischen Landtag - und wurde so zum Wegbereiter von Rot-Grün. Am gestrigen Mittwoch starb der SPD-Politiker im Alter von 75 Jahren.

BERLIN. Die Dachlatte. Und die Turnschuhe. Man kann sich nicht helfen: Die beiden Assoziationen drängen sich unweigerlich auf, wenn Holger Börners Name fällt. Mit der Stange hatte der gelernte Betonfacharbeiter Anfang der 80er Jahre angeblich militante Gegner des Frankfurter Flughafen-Ausbaus traktieren wollen - "eine journalistische Verdrehung", dementierte er später. Die weißen Turnschuhe trug der Ex-Straßenkämpfer Joschka Fischer, als Börner ihn am 12. Dezember 1985 als hessischen Umweltminister vereidigte.

"Jetzt kann ich darüber lachen. Aber damals war ich schockiert", gestand Börner später. Dass der hemdsärmelige Sozialdemokrat alter Schule einmal zum Wegbereiter von Rot-Grün werden würde, ist tatsächlich eine Ironie der Geschichte. Wie kaum ein zweiter verkörperte der Kasselaner den ungebrochenen Technik- und Fortschrittsglauben der SPD in den 70er und 80er Jahren. Unbeirrt trat er für die Atomkraft und den Bau der Startbahn 18-West ein. "Ohne seinen persönlichen Mut und seine Durchsetzungskraft wäre die Startbahn nicht gebaut worden", glaubt der Frankfurter Flughafen-Chef Wilhelm Bender.

Nach vier Jahren als SPD-Bundesgeschäftsführer war er 1976 auf den vakant gewordenen Stuhl des hessischen Ministerpräsidenten gewechselt, wo er mit der FDP regierte. Zwei Jahre Später wurde er wiedergewählt. Doch seine Atom- und Flughafenpolitik stießen in SPD und Bevölkerung auf wachsenden Widerstand. Die Startbahn-Proteste wurden gewalttätig. Im Mai 1981 erschossen Unbekannte den Vize-Regierungschef Hans Karry-Herbert (FDP). "Ich habe den gleichen Drohbrief erhalten wie er", erinnerte sich Börner Jahre später. Seither habe er Schießtraining genommen und eine Waffe bei sich getragen: "Bevor RAF-Terroristen mich erschossen hätten, hätte ich selber zwei umgelegt."

Das Ergebnis der Landtagswahl 1983 zwang den knorrigen Nordhessen zu einer Minderheitsregierung. Unter Widerwillen wandelte er zwei Jahre später die Tolerierung durch die Grünen in eine Koalition um. "Er war der einzige Mensch in der hessischen SPD, der es wagen konnte, die Sache mit den Grünen anzufangen", urteilte der hessische Ur-Grüne Roland Kern, inzwischen Bürgermeister von Rödermark, kürzlich: "Die Grünen verdanken ihm viel". Gleichwohl hielt die Koalition nur 452 Tage, bis Börner die Ökos wegen ihres Neins zur Hanauer Plutoniumfabrik Alkem aus der Regierung warf.

In seiner neuen Funktion an der Spitze der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde es ruhiger um Börner. Doch sah man den schwer an Krebs Erkrankten stets bei SPD-Parteitagen in der Riege der verdienten Genossen. Vor 14 Tagen rief er Parteichef Kurt Beck an, um sich zu verabschieden. Kraft, Mut und Zusammenhalt wünschte der 75-Jährige seiner Partei. Am Mittwoch ist Börner gestorben. Sein einstiger Gegenspieler Joschka Fischer hat sich derweil mit einem Interview aus der deutschen Politik verabschiedet. Vielleicht, so räumte er ein, habe er Börner mit seinem Turnschuhauftritt seinerzeit ungehörig provoziert: "Aber es musste sein."

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