Holger Fach kommt von Rot-Weiß Essen
Mönchengladbach schickt Lienen in die Wüste

Als er vor einem halben Jahr kam, wurde er als "verlorener Sohn" am Bökelberg begrüßt. Als er dann noch dem Abstiegsgespenst ein Schnippchen schlug, wurde er als "Retter" gefeiert. Doch das Fußball-Bundesliga-Geschäft ist schnellebig, musste auch Ewald Lienen jetzt wieder feststellen. Sein Nachfolger ist bereits inthronisiert.

HB HANNOVER/MÖNCHENGLADBACH. Ewald Lienen ist am Sonntag von seinen Aufgaben als Cheftrainer des Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach entbunden worden. Das 0:2 tags zuvor bei Hannover 96 und eine für den Coach offenbar ausweglose Situation führten zu einer Blitz-"Scheidung" und zur 272. vorzeitigen Amtsenthebung eines Bundesliga-Trainers.

Nachfolger Lienens, der nach einem am Sonntagmorgen einstimmig gefassten Präsidiums-Beschluss zum vierten Mal in seiner Fußballlehrer-Karriere vorzeitig gehen musste, wird der frühere Borussen-Profi Holger Fach. Der 41-Jährige wurde schon am Sonntag am Bökelberg präsentiert und erhält einen Kontrakt bis Saisonende. Am Montagmorgen leitete er mit 18 Spielern das erste Training in Mönchengladbach. "Ich will erst einmal die Situation analysieren und mit den Spielern reden", sagte Fach.

"Ich glaube nicht, dass Sie von jemandem aus dem Präsidium oder vom Sportdirektor dazu etwas hören", stellte Gladbachs Sportdirektor Christian Hochstätter noch am Samstag eine Trennung von Lienen außer Frage. Doch nach vier Niederlagen hintereinander zogen die Borussen die Reißleine dann in atemberaubender Geschwindigkeit.

Bei Hannover 96 hatte Lienen, erst am 2. März als Nachfolger Hans Meyers verpflichtet und mit einem Vertrag bis Juni 2004 ausgestattet, die völlig verunsicherte Elf durch erfolglose Rotation auf sechs Positionen weiter geschwächt. "Es ist normal, dass es in so einer Situation zu Diskussionen kommt", deutete Hochstätter schon da die Möglichkeit an, dass Borussias Ex-Profi Lienen seine Mission nicht zu Ende führen sollte.

Fach, der am 1. September mit einer Ausstiegsklausel Chefcoach beim Regionalligisten Rot-Weiß Essen geworden war, ist die Eil- und Notlösung. Hochstätter traut dem langjährigen Chefscout und Amateur- Trainer des Vereins viel zu, obwohl Fach keine Erstliga-Erfahrung hat: "Ich bin absolut überzeugt von ihm. Ich halte ihn für einen sehr guten Trainer."

Lienen war nach der Niederlage in Hannover bemüht, trotz des Abrutschens auf Platz 15 nach positiven Ansätzen zu suchen. "Die Mannschaft hat ein ganz anderes Bild abgegeben als vergangene Woche", kommentierte der Coach, "sie hat zusammengearbeitet und alles gegeben." Das war allerdings realitätsfern und kostete ihn nach seinem Job beim MSV Duisburg (1994/95), bei Hansa Rostock (1998/99), und beim 1. FC Köln (2001/02) zum vierten Mal die Position.

Vieles erinnerte zuletzt in Mönchengladbach an Lienens Zeit beim rheinischen Nachbarn Köln. Hier wie da redete der 49-Jährige die Situation schön, obwohl seine Profis derzeit kaum bundesligareif sind. Mit Hau-Ruck-Aktionen wie dem Wechsel von sechs Spielern im Vergleich mit dem 0:2 am vergangenen Sonntag gegen Eintracht Frankfurt schwächte Lienen das Team, machte es nervlich noch anfälliger.

Wie anfällig die Borussen derzeit sind, machte die Partie in Niedersachsen überdeutlich. Sobald die technisch und taktisch überlegenen Hannoveraner das Tempo verschärften, "brannte es lichterloh", wie 96-Trainer Ralf Rangnick es ausdrückte. Die Gladbacher konnten froh sein, dass die Gastgeber immer wieder Kunstpausen einlegten und nur zu Treffern durch Thomas Christiansen (18.) und Mohammadou Idrissou (82.) kamen.

"Es war etwas anders als sonst, und wir hatten nicht 90 Minuten höchsten Unterhaltungswert", meinte Rangnick im Vergleich zu den bisherigen 96-Spielen. "Wir haben gezeigt, dass wir nicht nur Hurra- Fußball spielen können, sondern auch mit Geduld gewinnen können." Gegen Gladbach reichte die halbe Kraft, um relativ ungefährdet auf Platz sechs vorzurücken. Die einzige Kritik, die Rangnick anbrachte: "Wir haben mehrfach versäumt, das Spiel früher zu entscheiden."

"Wenn man nur vier Punkte hat, kommt nach einem Rückstand natürlich die Verunsicherung", sagte Borussen-Keeper Claus Reitmaier, dessen Team nur bei zwei Lattentreffern auf den Ausgleich hoffen durfte. Stürmer Arie van Lent ahnte es: "Jede weitere Niederlage bedeutet noch mehr Hektik im Verein." Am Sonntag wurde van Lents Prophezeiung für Lienen dann bittere Gewissheit.

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