Holzmann-Großaktionär macht Kreditinstitut für den Verlust von 400 Millionen Mark verantwortlich
Holzmann-Aktionär Gevaert contra Deutsche Bank

Gut 15 Monate, nachdem das Debakel beim Frankfurter Bauriesen Philipp Holzmann AG bekannt wurde, befassen sich von heute an erstmals Richter mit dem Fall. Holzmann-Aktionär Gevaert fühlt sich vom Mehrheitseigner Deutsche Bank betrogen. Doch die Klage ist umstritten.

FRANKFURT/M. Auf Dietmar Wöhler wartet eine schwere Aufgabe: Der Vorsitzende Richter an der siebten Kammer des Landgerichts Frankfurt muss sich am Freitag als erster aus den Reihen der Justitia mit dem Fast-Zusammenbruch des Frankfurter Bauriesen Philipp Holzmann AG befassen. Er soll prüfen, ob der langjährige Großaktionär von Holzmann, die Deutsche Bank, die belgische Finanzholding Gevaert NV getäuscht hat, als diese ein rund 30prozentiges Aktienpaket des Baukonzerns erwarb; heute hält sie noch rund 13 %.

Als Gevaert mit Sitz in Antwerpen 1998 bei Holzmann einstieg, befanden sich die Frankfurter in einer schwierigen Situation. Ein Restrukturierungsprogramm sollte das Traditionsunternehmen wieder auf Kurs und in die Gewinnzone bringen. Die Kapitalerhöhung, über die Gevaert zum Anteilseigner von Holzmann wurde,war Bestandteil dieses Programms. Wenige Wochen zuvor hatte das Holzmann-Management den Turn-around verkündet. Doch nur gut ein Jahr später das Desaster: Aus heiterem Himmel tauchte ein Verlust von 2,4 Mrd. DM auf. Nur ein Forderungsverzicht der Banken rettete Holzmann vor dem Aus.

Gevaert-Chef André Leysen fühlte sich geleimt. "Ich kann nicht annehmen, dass ein traditionsreiches Institut wie die Deutsche Bank, deren Gesamtbeirat ich während eines Jahrzehnts gern angehört habe, nicht im Einzelnen weiß, was dort vorgegangen ist", erklärte Leysen damals dem Handelsblatt. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen einen: Deutsche-Bank-Vorstandsmitglied und Ex-Chef des Holzmann-Aufsichtsrats Carl-Ludwig von Boehm-Bezing.

Gevaert fordert 400 Mill. DM

Rund 400 Mill. DM fordert der Belgier von der Deutschen Bank und Holzmann. Gevaert beruft sich auf die Prospekthaftung. Die Deutsche Bank soll in den Börsenprospekten für die Kapitalerhöhung und in den Verkaufsgesprächen nicht über Holzmanns prekäre Situation informiert haben. Die Deutsche Bank weist jegliche Ansprüche zurück. Ihre Juristen sehen gar einen Fall von Rechtsmissbrauch. Leysen habe den Eindruck erweckt, er werde die Sanierung mittragen, dann aber geklagt. Gleichzeitig verweist das Institut auf die seiner Meinung nach umfassenden Warnhinweise im Prospekt und im öffentlichen Bezugsangebot. Derart deutlich seien diese gewesen, dass "jeder normale Anleger davon abgeschreckt werden musste."

Tatsächlich finden sich in den genannten Unterlagen diverse Warnhinweise. Viele davon sind freilich wenig aussagekräftig - und wirken wie formelle Pflichthinweise. Da ist etwa die Rede davon, dass "die Anlage in Aktien unserer Gesellschaft mit einem erhöhten Risiko verbunden" ist. Zwar geht der Prospekt an einigen Stellen ins Detail; so gibt es den Hinweis, dass die Rückstellungen für Mietgarantie nicht ausreichen könnten, und auch mögliche Verluste beim Projekt Köln-Arena sind angeführt. Experten aber halten all das für vage. Gleichzeitig spricht der Prospekt vom vollzogenen Turn-around und von der "langfristigen Sicherung von Profitabilität und Wachstum".

Gevaert als erfahrener Investor hätte Risiko abschätzen können

Andererseits stieg mit Gevaert kein Privatanleger bei Holzmann ein, sondern ein erfahrener Investor. "Selbst bei flüchtiger Lektüre der Prospekte hätte sich jeder Leser und erst recht ein professioneller Investor wie Leysen über die wirtschaftliche Situation bei Holzmann im klaren sein müssen", kontern die Juristen der Deutschen Bank.

Fragen wirft zudem die offenbar fehlende Due-Dilligence-Prüfung auf. Eine solche eingehende Untersuchung unternimmt üblicherweise jeder institutionelle Investor vor einem Engagement. Doch das Holzmann-Geschäft ging offenbar auf persönliche Kontakte zurück. Leysen saß über Jahre im Gesamtbeirat der Deutschen Bank. Und für den Belgier basierten die Geschäfte bis dato vor allem auf Vertrauen. Auf das setzte er auch im Fall Holzmann. Ob ein enttäuschtes Vertrauen letztlich justitiabel ist?

Vieles spricht dafür, dass Richter Wöhler die Streithähne eindringlich auf einen Vergleich einschwören wird - zumal Parallelen zu Wayss & Freytag unverkennbar sind. In diesem Fall fühlte sich die Hollandsche Betongroep beim Kauf der Baufirma von der Frankfurter Agiv getäuscht und klagte ebenfalls. Nach monatelangem Ringen folgte man dem Vorschlag des Richters und einigte sich auf einen Vergleich.

Bis es im Fall Holzmann soweit ist, dürfte freilich noch einige Zeit vergehen. Möglich ist eine solche Lösung wohl frühestens ab 2002. Dann nämlich wird der langjährige Holzmann-Kontrolleur Boehm-Bezing offiziell aus dem Vorstand der Deutschen Bank verabschiedet.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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