Home, sweet home: Der britische Immobilienmarkt boomt seit Jahren
Toilettenhäuschen ab 203 000 Euro - renoviert

Was lässt sich mit einem heruntergekommenen, 100 Jahre alten öffentlichen Toilettenhäuschen anfangen? Einem Immobilienmakler im Südosten Londons fiel die Antwort nicht schwer: Renovieren und für 135 000 Pfund (203 000 Euro) als Eigentumswohnung anbieten.

HB/dpa LONDON. Dieses Beispiel aus der britischen Hauptstadt steht für den unglaublichen Boom, der seit einigen Jahren den Immobilienmarkt der Insel erfasst hat. Um mehr als 22 Prozent schossen die Preise für Haus- und Wohnungseigentum allein 2002 in die Höhe. Anfang Februar senkte die Bank von England die Leitzinsen auf den niedrigsten Stand seit 1955 und schaffte damit neue Anreize für Kaufwillige.

Aktien, Fonds, festverzinsliche Wertpapiere - kaum eine Anlage hat privaten Investoren in letzter Zeit Freude bereitet. In Großbritannien genügt es jedoch, sich abends gemütlich im Wohnzimmer in den Sessel fallen zu lassen. Der durchschnittliche Preis eines Hauses in England und Wales beträgt nach jüngsten Angaben des Land Registry mehr als 145 000 Pfund. Gemessen an den zuletzt erzielten Zuwachsraten war die eigene Behausung damit jeden Abend rund 70 Pfund (106 Euro) mehr wert als noch am Tag zuvor.

In Deutschland, wo die Menschen in einigen Landstrichen den Spitznamen "Häuslebauer" tragen, leben nur 42 Prozent der Bevölkerung in den eigenen vier Wänden. Die Preise kamen in den vergangenen Jahren nicht vom Fleck. In Großbritannien sind nach offiziellen Erhebungen 68 Prozent Eigentümer von Immobilien.

Für karrierebewusste junge Leute gibt es kaum etwas Wichtigeres, als "den Fuß auf die Leiter" zu bekommen. Das heißt: Wohnungseigentum erwerben und kräftig aufmöbeln, damit es zusätzlich an Wert gewinnt. Fast zu jeder Stunde läuft im Fernsehen eine Sendung, wie sich mit einfachen Mitteln ein alter Kamin wieder in Gang setzen oder eine Terrasse verschönern lässt.

Das Spiel funktioniert oft nur, weil kein Eigenkapital vorhanden sein muss - der Kauf einer Immobilie wird komplett auf Pump finanziert. In Deutschland sind hingegen bei selbst genutztem Wohnungseigentum nach Angaben der Bausparkasse Schwäbisch Hall zumindest 20 Prozent vom Kaufpreis zu bezahlen.

In Großbritannien lagen die Hypothekenraten laut der Halifax-Gruppe 2002 in Schnitt bei 5,7 Prozent - Tendenz fallend. Dank der niedrigen Arbeitslosenquote (5,1 Prozent) können sich mehr Bürger als früher solche Zahlungen leisten. Wer fleißig renoviert hat, verkauft nach einiger Zeit seine kleine Stadtwohnung zu Rekordpreisen wieder und legt sich stattdessen eine Villa in sonnigeren Ländern zu - fast wie zu Kolonialzeiten.

In Toplagen lassen die Preise bereits wieder nach

Experten warnen allerdings schon seit Jahren, dass sich der Immobilien-Boom als Blase erweisen könnten, die eines nicht zu fernen Tages platzt und dann die gesamte Wirtschaft mit nach unten reißt. In der Vergangenheit hielt sich die Bank von England aus genau diesem Grund mit Zinssenkungen zurück. In Londoner Toplagen haben sich die Preise bereits nach unten entwickelt, weil die Manager von Großbanken geringere Bonus-Gehälter bekommen oder sogar entlassen werden.

Im noch relativ preiswerten Südosten der Metropole macht sich Hausmakler Tony Ravenscroft hingegen keine Sorgen. Zwar ist das alte Toilettenhäuschen - groß wie ein Kiosk - neun Monate nach der Ankündigung noch nicht umgebaut. "Aber heute ist es bestimmt schon mehr wert als die 135 000 Pfund, die damals im Gespräch waren", meint Ravenscroft.

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