Hongkonger Unternehmen will autark arbeiten
Textilkonzern Esquel baut Baumwolle selbst an

Der Hongkonger Bekleidungshersteller Esquel kämpft mit ungewöhnlichen Managementmethoden gegen das schlechte Image der asiatischen Textilindustrie. Mit Erfolg: Zu seinen Kunden gehören Weltmarken wie Hugo Boss, Tommy Hilfinger oder Donna Karan.

HB HONGKONG. Marjorie Yang ignoriert ein gängiges Management-Prinzip: Statt der Beschränkung aufs Kerngeschäft treibt die Chefin des Hongkonger Textilkonzerns Esquel das altmodische Konzept der vertikalen Integration auf die Spitze. Esquels 43 000 Mitarbeiter spinnen, weben, schneidern, entwerfen - und bauen sogar Baumwolle an. Mit hochwertigen Baumwolltextilien beliefert Esquel Weltmarken wie Hugo Boss, Tommy Hilfiger, Polo Ralph Lauren, Marks & Spencer, Land?s End und Donna Karan.

Autarkie ist für Yang aber kein Selbstzweck: "Wir haben immer nur die Bereiche integriert, in denen wir nicht die nötige Qualität oder das gewünschte Liefertempo bekamen", erklärt sie. Das sind aber offenbar viele. Selbst Accessoires entwirft und fertigt Esquel inzwischen im eigenen Haus. Damit sich der Konzern nicht verzettelt, konzentriert er sich allerdings vor allem auf zwei Produkte: Baumwollhemden machen die Hälfte des Umsatzes aus, ein Drittel entfällt auf Strickwaren, vor allem Polo-Shirts.

Esquel kämpft dabei gegen Image-Probleme an. Asiatische Textil-Manager bezeichnen ihre Branche gern als "Lumpen-Handel", im Westen werden Textilfabriken von Pakistan bis Vietnam meist assoziiert mit Billig-Mode und der Ausbeutung von Umwelt und Arbeitern. Der Esquel-Konzern hat deshalb Millionen in Kläranlagen und Energiesparmaßnahmen investiert, die Produktentwicklung voran getrieben und ein mit den Kunden vernetztes Intranet aufgebaut, über das dieser jedes Stadium des Produktionsprozesses im Blick hat.

"Wir wollen kein simpler Auftragnehmer sein", sagt Yang, "wir bieten eine Dienstleistung". Die Kontrolle über den gesamten Herstellungsprozess sieht sie als wichtigen Vorteil. Als zum Beispiel Hugo Boss die für Herrenmode typische Quadratur der Kreises verlangte - ein Herrenhemd, das klassisch aussehen sollte und gleichzeitig ganz neu - fanden nicht die Designer im Hongkonger Hauptquartier die Lösung, sondern die Spinnerei-Techniker in China. Sie sorgten für einen extrem fein gesponnenen Stoff, der sich fast anfühlt wie Seide.

Bislang ist Yangs Strategie aufgegangen: Das von ihrem Vater gegründete Familienunternehmen legte über die vergangenen Jahre im Durchschnitt zweistellige Wachstumsraten vor und erwirtschaftet inzwischen 500 Mill. $ Umsatz. An der Rendite feilt die ehemalige New Yorker Investmentbankerin noch: 10 % gibt Yang als Ziel vor, doch liege sie im Moment etwas niedriger.

Derzeit ist die Managerin mit Harvard-MBA damit beschäftigt, Esquels Abhängigkeit vom US-Markt zu reduzieren. Dort enden immer noch zwei Drittel der 60 Millionen Kleidungsstücke, die jährlich von den Maschinen laufen. "Europa ist für unsere Wachstumsstrategie extrem wichtig", sagt Yang, die besonders Deutschlands Männer im Blick hat: "Ein Hang zu klassischer Mode, Sinn für Qualität - das passt zu uns", glaubt sie. Doch ein fragmentierter Markt und das Fehlen von starken, pan-europäischen Marken erschweren Esquel den Vorstoß auf dem alten Kontinent. Amerikanische Marken haben es einfacher: "Wenn wir an Tommy Hilfiger liefern, erreichen wir ganz Europa", freut sich die Geschäftsfrau Yang. Der Modefan Yang bedauert gleichzeitig, dass die Globalisierung Kleidungs-Trends weltweit vereinheitlicht.

In Zukunft will sie es sich nicht mehr so leicht machen. Der Esquel-Konzern soll sich mehr auf die Geschmacksunterschiede konzentrieren zwischen Paris, London, Rom und Berlin als auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Davon verspricht sich Yang mehr europäische Kundschaft.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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