Hoteliers und private Zimmervermieter klagen
Rezession trifft auch die Messe-Muttis

Der erwartete Besucherrückgang auf der diesjährigen Cebit trifft nicht nur die Veranstalter, sondern vor allem auch Hannovers Hoteliers - und die so genannten Messe-Muttis.

HB HANNOVER. Nadja Unger ist seit zehn Jahren eine überzeugte "Messe-Mutti", wie man sie in Hannover nennt. In den Wochen, wenn die Cebit-Besucher in die Leine-Metropole strömten, zog die TV-Redakteurin bislang immer zu einer Freundin. Und vermietete über eine Vermittlungsagentur die eigene Wohnung an Unternehmen, die dort ihre Messe-Teams unterbrachten. Zuletzt waren es Mitarbeiter des Schweizer Mischkonzerns Ascom. "So habe ich bisher meinen Sommerurlaub finanziert", sagt Nadja Unger.

In diesem Jahr wird Ungers Sommerreise vermutlich nur nach Balkonien führen. Ascom verzichtet auf den Cebit-Besuch. Und Unger bleibt wohl zum ersten Mal seit langem auf ihrer Drei-Zimmer-Wohnung sitzen.

Sie ist nicht die Einzige in Hannover, die angesichts der zu erwartenden Besucher- und Ausstellerflaute Trübsal bläst. Ernst Raue, Vorstand der Hannover geht von nur noch 6500 Ausstellern aus, rund 1400 weniger als im Vorjahr. 600 000 Besucher sollen die Messehallen füllen, zehn Prozent weniger als 2002.

Die ansässige Hotellerie trifft der Aussteller- und Gäste-Schwund mit voller Wucht. Die Messebesucher sind enorm wichtig für die Branche. Hannover ist keine Stadt, die laufend Touristen anzieht. Gäste buchen Übernachtungen in der Landeshauptstadt Niedersachsens saisonal wie an der Costa Brava, nur dass die entscheidenden Kriterien dabei nicht Sonnenschein und eine Spitzenlage am Maschsee, sondern die Zeitpunkte der Messen sind.

Flaute im Umland

Vor allem privat geführte Hotels aus dem Umland bekommen nun die Flaute zu spüren. Immer weniger Cebit-Gänger müssen in andere Städte pendeln - und auch noch froh sein, dass sie überhaupt eine Unterkunft in Bremen oder in Celle ergattert haben. Für alle diejenigen, die die Cebit besuchen müssen, sind das gute Nachrichten: Die Enge in den Hallen, vor allem aber das Gerangel um die Cebit-Betten hat in diesem Jahr ein Ende.

Messe-Betten gibt es in Hannover heute mehr als genug, denn vor Beginn der Weltausstellung im Jahr 2000 rüsteten ansässige und externe Hoteliers enorm auf. Jeder wollte vom Expo-Besucherboom profitieren. 1990 gab es in und um Hannover 5592 Betten, im vergangenen Jahr 2002 waren es bereits doppelt so viele.

Die Anreisenden können sich also über eine gute Auswahl freuen. "Wir sind jahrelang gemolken worden. Wenigstens hat das nun ein Ende, weil endlich Alternativen da sind", sagt erleichtert ein Messeveteran eines großen deutschen Chip-Herstellers. Auch Martina Grüger, Leiterin Marketing & Öffentlichkeitsarbeit bei Lucent Technologies, gewinnt der Entwicklung positive Seiten ab. Ihr Unternehmen mietet in diesem Jahr erstmals vor allem Privatzimmer an. "Wir senden schließlich einige Hundert Mitarbeiter auf die Messe, und an den horrenden Hotelzimmerpreisen hat sich nichts geändert", sagt sie.

Gerangel um die Betten ist vorbei

Die Botschaft, dass das große Gerangel um die Betten vorbei ist, ist bei Hannovers Hotelbetreibern allerdings noch nicht angekommen. "Die Preise wurden kein Stück zurückgeschraubt. Mittelklassehotels im Umland wollen noch immer für ein Einzelzimmer satte 280 Euro haben", wundert sich Norbert Gaffron, Leiter Messen und Ausstellungen Sony Deutschland. Hinzu kommt, dass Kunden wie Sony die Zimmer nicht für einzelne Tage, sondern nur für die ganze Laufzeit der Messe buchen können. "Ich kann verstehen, wenn da der Mittelstand nicht mithalten kann und die Cebit ganz sausen lässt", sagt Gaffron.

Leere Kassen ändern in jedem Fall die Ansprüche der Unternehmen, was die Unterbringung von Mitarbeitern betrifft. Die Zimmeranfragen von Unternehmen hätten sich gewandelt, sagt Oliver Kampmann, Inhaber einer Zimmervermittlungsagentur: "Früher hieß es ?Möglichst alle in einem Haus?, heute heißt es ?Möglichst günstig?."

Weil sie wegen des Überangebotes ihre Zimmer nicht mehr loswerden, wenden sich seit kurzem auch Hoteliers in ihrer Verzweiflung an Zimmervermittler wie Kampmann. Doch ohne Interessenten ist auch der beste Bettenvermittler chancenlos, und die Hotelbetten bleiben leer wie Nadja Ungers Wohnung. Schließlich muss Kampmann selbst herbe Absagen verdauen. "Neben Ascom ist uns auch Talkline abgesprungen. Die stellen dieses Jahr einfach nicht auf der Cebit aus."

Auf der Messe selbst soll der Sparkurs der noch übrig gebliebenen Aussteller allerdings nicht bemerkbar sein. Lucent-Sprecherin Martina Grüger: "Unsere Firmenparty feiern wir nicht mehr im Hotel, sondern am Stand. Aber auch mit allem Drum und Dran - und sicher günstiger."

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